|
|
Prof. Dr. U. Bartmann [1]
1. Sporttherapie und Joggen
Sporttherapeutische Behandlungsmaßnahmen gibt es praktisch in allen größeren psychiatrischen Einrichtungen. Umso erstaunlicher ist es, dass sich bei näherem Hinsehen in aller Regel zeigt, dass eine systematische Einbettung der Sporttherapie in den Gesamtbehandlungsplan der Therapiestätte fehlt. Häufig genug geschieht die 'Verordnung' der Sporttherapie nach dem Prinzip 'Es wird schon was bringen', ohne sich weitergehende Gedanken zu machen. Dieses Vorgehen dürfte auch damit zusammenhängen, dass über die konkreten Wirkmechanismen sporttherapeutischer Maßnahmen im Bereich psychischer Störungen weitgehend Unklarheit besteht.
Überlegungen wie die von Buchmann (1978), einen Indikationskatalog sporttherapeutischer Maßnahmen für die Behandlung psychischer Störungen zu entwickeln, sind die Ausnahme und stecken noch in den Anfängen.
Innerhalb des sporttherapeutischen Angebots nimmt das Laufen und Joggen eine besondere Rolle ein, wie weiter unten noch gezeigt wird. In den USA hat das Joggen einen festen Platz in der Palette therapeutischer Maßnahmen, wie zusammenfassende Darstellungen von Sachs & Buffone (1982) zeigen. Aber auch im deutschsprachigen Raum gewinnt das Joggen zunehmend an Bedeutung, wie man an Arbeiten von van Aaken (1984), Weber (1984) und Bartmann (1989, 1991, 2005) erkennen kann.
Eine sehr große Anzahl von Untersuchungen belegt die Effektivität des Joggens sowohl im präventiven als auch im therapeutischen Bereich. Sie können an dieser Stelle nicht dargelegt werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Somit sei auf zusammenfassende Werke von Sachs und Buffone (1982) sowie Bartmann (1989, 1991, 2005, 2007) verwiesen.
In den Tabellen 1.1 und 1.2 sind zur Orientierung einige Störungen aufgelistet, bei denen sich das Joggen als effektive Intervention erwiesen hat. Diese Übersicht beinhaltet sowohl den therapeutischen (Teil A), als auch den prophylaktischen Aspekt (Teil B) des Laufens und zwar aufgeteilt für den psychischen und den somatischen Bereich.
Tabelle 1.1 Somatische Wirkbereiche des Joggens.
Joggen reduziert z.B. | Joggen verbessert z.B. |
Bluthochdruck | Immunsystem |
Cholesterin-Gehalt | Lebenserwartung |
Übergewicht | körperliches Wohlbefinden |
Tabelle 1.2. Psychische Wirkbereiche des Joggens.
Joggen reduziert z.B. | Joggen verbessert z.B. |
Depressionen | Selbstwertgefühl |
Ängste | Coping |
Psychosomatische Beschwerden | Konzentrationsfähigkeit |
Stress | geistige Leistungsfähigkeit |
‚Störendes’ Verhalten von Kindern | seelisches Wohlbefinden |
2. Wann ist Joggen Therapie?
Wer zu seinem Vergnügen, also 'just for fun' läuft, betreibt natürlich keine Therapie. Um eine Tätigkeit, die auch im nicht-klinischen Zusammenhang praktiziert wird, als 'Therapie' bezeichnen zu dürfen, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Solche Bedingungen oder wesentlichen Merkmale einer Therapie wurden an anderer Stelle (Bartmann, 1989, 1991) zusammengetragen. Sie sind in Kasten 1 wiedergegeben.
|
Kasten 1. Prüfkriterien wissenschaftlicher Therapien.
Wenn Laufen in besonderen Fällen als Therapie eingesetzt werden soll, muss es auch den in Kasten 1 wiedergegebenen Prüfkriterien wissenschaftlicher Therapien standhalten. Für das Joggen ergibt sich zu diesen Punkten im Einzelnen folgendes:
Definierte/zu behandelnde Krankheitsbilder
Im somatischen Bereich gibt es ein definiertes Krankheitsbild der "Bewegungsmangelkrankheiten". Der Indikationskatalog für ein entsprechendes 'Laufen als Therapie' reicht von Muskeldefiziten über Kreislauferkrankungen und Übergewicht bis hin zu Infektionsanfälligkeit.
Im psychischen Bereich bestehen als vorrangige Indikationen Minderwertigkeitsgefühle, Stressreaktionen, Ängste und Depressionen. Das Vorhandensein eines dieser drei Störungsbilder lässt eine 'Joggingtherapie' als zentrale oder ergänzende Maßnahme angezeigt sein. Auch bei einer Vielzahl anderer psychischer Probleme besteht insofern eine Indikationen zum Laufen, als vielfältige andere gezielte Therapien wesentlich unterstützt und erleichtert werden können.
Ob im jeweiligen Einzelfall eine Indikation vorliegt, ist eine Frage der Diagnostik, und die hat im somatischen Bereich ein/e Arzt/Ärztin, im psychischen Bereich ein/e Psychotherapeut/in zu treffen.
Anwendungsschemata
Es gibt eine Reihe von "Lauf-Anwendungsprogrammen" für eine 'Joggingtherapie'. Diese liegen sowohl in detaillierter Form oder in allgemeinerer, aber noch immer ausreichend präzise vor (vgl. Bartmann, 1989, 1991, 2005; Cooper, 1970; Galloway, 1986). Tabelle 2 gibt als Beispiel einen Ausschnitt eines solchen Anwendungsschemas wieder. Somit ist diese Therapieanforderung ebenfalls erfüllt.
Tabelle 2.Ein systematisches Laufprogramm.
Woche | Tag | Laufzeit in Minuten | Gesamtlaufzeit | Gesamtzeitaufwand |
1. | 1. | 2L - 3G - 2L - 3G - 2L - 3G -2L - 3G -2L - 3G - 2L | 12 | 27 |
2. | 1. | 2L -2G -2L -2G -2L -2G -2L -2G -2L -2G -2L -2G -2L | 14 | 26 |
... | ... | ... | ... | ... |
12. | 1. | 5L -2G -25L -5G -10L -5G -5L -2G -5L | 50 | 64 |
Anmerkungen. Es bedeuten 1G = eine Minute Gehen, 1L = eine Minute Laufen.
Empirische Belege
Es gibt eine Fülle fundierter empirischer Befunde zur Effektivität des Joggens als Therapie (vgl. z.B. Bartmann, 1989, 1991, 2007; Sachs & Buffone, 1984). Dies gilt, wie wir gesehen haben, sowohl für den somatischen als auch psychischen Bereich. Auch als Kombinationsverfahren mit anderen Behandlungsmaßnahmen ist die Effektivität beim Laufen im weitaus höheren Maße belegt, als dies für viele andere körperliche oder psychotherapeutische Verfahren der Fall ist.
Wissenschaftlich fundierte Theorie
Bei diesem Punkt liegt die Achillesferse der meisten Behandlungen. Um Missverständnisse zu vermeiden, sei daran erinnert, dass dies keine spezifische Schwierigkeit von Psychotherapien ist, sondern diese Problematik im vollen Umfang auch für etablierte somatische Interventionen (z.B. Medikation) gilt. Es ist dabei nicht erforderlich auf die berühmt-berüchtigte Elektrokrampf-'Therapie' in der Psychiatrie zurückzugreifen, um deutlich zu machen, dass in der vermeintlich so wissenschaftlichen Schulmedizin erhebliche Defizite in wissenschaftstheoretischer Hinsicht bestehen.
Für die rein körperlichen Indikationen des Joggens sind die theoretischen Zusammenhänge relativ klar. Die Medizin verfügt über große Kenntnisse bezüglich der Stoffwechselveränderungen durch ein Ausdauertraining und den sich daraus ergebenden weiteren körperlichen Prozessen.
Die Schwierigkeit liegt bei den Erklärungsmodellen für die psychischen Effekte, und da reichen die medizinischen Erklärungsversuche absolut nicht. Hier bieten sich als umfassend erklärenden theoretischen Bezugsrahmen die verhaltenstherapeutischen Prinzipien an, wie sie weiter unten dargelegt sind.
Qualifikation der Therapeuten
Jede noch so gute Behandlungsmaßnahme versagt und ist sogar gefährlich, liegt sie in inkompetenten Händen. Der Qualifikation von Therapeuten kommt somit eine sehr große Bedeutung zu. Dabei ist es keine Frage, dass diese Qualifikation auf gar keinen Fall nur unter dem läuferischen Aspekt gesehen werden kann. Für den Einsatz des Laufens bei schwerwiegenden körperlichen Erkrankungen ist eine medizinische Vorbildung erforderlich. Daher arbeiten die so genannten Koronarsportgruppen (für Herzinfarktrehabilitanten) notwendigerweise mit Ärzten zusammen.
Im Behandlungsbereich für psychische Störungen halte ich eine verhaltenstherapeutische Ausbildung für notwendig. Denkbar erscheint mir außerdem, im psychosozialen Bereich erfahrene Berufsgruppen (Erzieher, Krankenpflegepersonal, Sozialarbeiter) zu Lauftherapeuten auszubilden. Diese Weiterbildung wird seit 2003 von der DGVT in Würzburg erfolgreich angeboten.
Befähigung zur Selbsthilfe
Es gibt Psychotherapien, welche die Patienten extrem lange an die Therapeuten binden. Damit wird letztlich Selbständigkeit und Autonomie verhindert. Fortschrittliche Therapien betonen dagegen, dass das Ziel einer qualifizierten Behandlung die Selbst-Therapie sein sollte.
Diese Bedingung ist bei einer Joggingtherapie hervorragend gewährleistet. Wer einmal das Laufen erlernt hat, kann unabhängig von Laufkursleitern weiterlaufen - sei es allein oder in einem Freundeskreis. Er hat die dazu notwendigen Fertigkeiten erlernt. Joggen fördert die Übernahme von Selbstverantwortung bei den Teilnehmern einer 'Lauf- oder Joggingtherapietherapie'.
Präzisierung von Kontraindikationen
Es gibt spezifische Intervention, die für alle Menschen gleich gut ist. Und nach wie vor gilt der kritische Satz: "Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, ist geneigt, alles zu Nägeln zu machen."
Das sollte einer Lauf- oder Joggingtherapie nicht passieren. Wie für andere Therapien, gibt es auch für das Joggen Kontraindikationen. Zu diesen gehören z.B. objektive Gelenkschäden einschließlich schwerer Wirbelsäulenveränderungen oder etwa fieberhafte Infekte. Insgesamt kann aber festgehalten werden, dass die Anzahl der Kontraindikationen vergleichsweise gering ist. Ein Problem ist vielmehr die Schonhaltungsideologie einiger Ärzte. Wie fatal diese Ideologie ist, gegen die in verdienstvoller Weise vor allem van Aaken (vgl. van Aaken & Lennartz, 1987) gekämpft hat, können wir am Beispiel der Herzinfarktbehandlungen sehen. Heute müssen Infarktpatienten sich so bald wie möglich wieder bewegen. Früher hingegen glaubte man, dass sie ruhig liegen müssten - was viele von ihnen mit dem vermeidbaren Tod bezahlten. Es gibt unter vielen LäufernInnen die Regel, dass sie in Bezug auf das Laufen nur von solchen ‚Ärzten medizinische Ratschläge bezüglich des Laufens akzeptieren, die selber laufen.
Nebenwirkungen
Leider ist die Nebenwirkungsforschung das Stiefkind jeglicher Therapieforschung. Dabei ist sie so enorm wichtig, und zwar nicht nur im körperlichen Bereich (also z.B. Medikamentennebenwirkungen). Für die Psychotherapien führt nämlich ganz richtig Cohen (1984, S.8) aus, ... " dass die weit verbreitete Ansicht, wo Psychotherapie nicht helfe, schade sie wenigstens nicht, unhaltbar ist."
Analoges lässt sich zur 'Joggingtherapie' sagen. Dabei sind Muskelkater und Gelenkschmerzen, sofern sie nur vorübergehend auftreten, noch die geringsten Nebenwirkungen. Problematischer wird es schon, wenn das Laufen übertrieben wird. Körperliche Schäden können dann nicht ausgeschlossen werden. Gefährliche Nebenwirkungen bestehen auch bei Missachtung von Kontraindikationen, z.B. fieberhafte Infekte. Wer z.B. trotz Fieber läuft, geht das Risiko schwerer körperlicher Schäden ein.
Daneben gibt es unerwünschte psychische und soziale Auswirkungen, wenn das Laufen übertrieben wird. Verbissener Ehrgeiz kann dann das Denken auf das Wettkampflaufen einengen und soziale Bindungen zu Familie, Freunden und Kollegen können so vernachlässigt werden, dass sie zerbrechen. Insgesamt aber sind die Nebenwirkungen des Laufens bei Beachtung der notwendigen Vorsichtsmaßnahmen gering. Die alte Zauberformel, die auch für das Laufen gilt, lautet:
Geringe Dosen aktivieren - Überdosen paralysieren
Wie zu sehen ist, kann man nach den oben genannten Kriterien sowohl bei den körperlichen als auch bei den psychischen Wirkungen durchaus von einer 'Joggingtherapie' sprechen. Es gilt jedoch nochmals zu betonen: Eine Therapie liegt nur dann vor, wenn eine bestimmte Störung gezielt behandelt werden soll. Laufen ist also keine Therapie, wenn wir zur Verbesserung unseres Lebensgefühls laufen, so wie es viele Dinge gibt, die wir tun, weil sie uns angenehm stimmen. Es hängt entscheidend davon ab, was wir erreichen wollen, ob wir nun Joggingtherapie betreiben oder eben nur laufen.
3. Joggen, eine Psychotherapie?
Akzeptiert man Laufen und Joggen unter bestimmten Gesichtspunkten als Therapie, so stellt sich die Frage nach der Art der Therapie. Handelt es sich um eine somatische Behandlung oder um eine Psychotherapie? Um diese Frage zu klären ist es hilfreich, auf Bleuler (1916/83) zurückzugreifen. Er führt in seinem berühmten Lehrbuch der Psychiatrie zu Psychotherapie aus:
"Psychotherapie ist die geplante Behandlung eines Kranken durch die unmittelbare Einwirkung auf seine Psyche (und nicht durch die Einwirkung auf den Körper und über ihn mittelbar auf die Psyche)." (Bleuler, 1916/83, S.143).
Diese Definition sagt uns, dass Psychotherapie körperliche oder seelische Störungen durch die Psyche behandelt. Laufen wirkt, für sich allein genommen, über den Körper auf Körper und Psyche. Als isolierte Behandlung ist Joggen keine Psychotherapie, sondern eine Körpertherapie. Wenn also der Laufforscher Harper (1984, S.83) meint: "Jogotherapy: Jogging as Psychotherapy" (Joggingtherapie: Jogging als Psychotherapie), so halte ich dies für falsch. Dies gilt m. E. auch für solche Wortungetüme wie der ‚Sportpsychotherapie’ (Nietsch, 1978).
Wenn aber das Joggen unter dem Gesichtpunkt der psychischen Wirkfaktoren - eingebettet in ein verhaltenstherapeutisches Gesamtbehandlungskonzept - eingesetzt wird, halte ich es für gerechtfertigt, das Laufen als eine verhaltenstherapeutische Technik und damit als Psychotherapie anzusehen. Das mag ein etwas großzügiges Verständnis von Psychotherapie sein, aber die Verhaltenstherapie greift auch mit anderen Einzeltechniken auf Körperübungen zurück, so zum Beispiel bei der progressiven Muskelentspannung. Man sollte sich aber davor hüten, eine Lauf- oder Joggingtherapie allgemein als 'Psychotherapie' zu bezeichnen. Zur Behandlung körperlicher Störungen ist ohnehin klar, dass Laufen eine Körpertherapie darstellt.
4. Verhaltenstherapeutische Faktoren beim Joggen
Beim Laufen finden sich nun eine Vielzahl verhaltenstherapeutischer Einzelaspekte wieder (siehe Tabelle 3).
Tabelle 3. Verhaltensweisen und dazugehörige verhaltenstherapeutische Prinzipien
Verhalten | Prinzip der Verhaltensmodifikation |
Sehen von Vorbildern | Imitationslernen |
Entschluss zu laufen | kognitive Umstrukturierung |
Verabreden, Lauftreff aufsuchen | Selbstkontrolle |
mit zunehmenden Laufpensum | systematische Desensibilisierung |
Mut auch andere bisher gemiedene | Generalisierung des Angstabbaus |
Akzeptanz der eigenen Leistung | Abbau von Fehlattribuierungen |
Bewunderung von Mitmenschen | extrinsische Verstärkung |
Wohlbefinden, | intrinsische Verstärkung |
körperliche Ausgeglichenheit | Entspannungsprinzipien |
verbesserte Körperwahrnehmung | Bio-feed-back Prinzip |
verbesserte Genussfähigkeit | euthyme Behandlungsstrategie |
Da ist zunächst einmal der bewusste Entschluss, zu joggen. Beginnt jemand mit dem Laufen, weil er/sie etwas für seine körperliche oder seelische Gesundheit tun will, übernimmt er/sie Verantwortung für sich und gewinnt damit Handlungskompetenz für seine Gesundheit. Mit der Akzeptanz, selbst etwas für sich tun zu können hat er/sie sein/ihr Denken verändert oder umstrukturiert. Es zeigt sich hier das Prinzip der kognitiven Umstrukturierung.
Bei der Umsetzung der Entscheidung, zu joggen - zum Teil wohl auch schon bei der Reifung des Entschlusses - spielen Vorbilder eine Rolle. Wenn jemand beobachten konnte, wie ein Bekannter durch regelmäßiges Joggen überflüssige Pfunde verliert, körperlich fit wird und psychisch immer besser zurechtkommt, dann hat er/sie ein Vorbild. Auch ein/e berühmte/r LäuferIn kann ein solches Vorbild sein. Kommt jemand mit Hilfe eines solchen Vorbildes zum Laufen, wirkt bei ihm das Prinzip des Imitationslernens.
Wichtig ist nun, dass dieser Entschluss, zu laufen auch in die Tat umgesetzt wird. Trotz Vorbild und Entschluss ist die praktische Umsetzung in konkretes Handeln alles andere als leicht. Hier ist es z.B. hilfreich, sich mit Freunden oder Bekannten zum Laufen zu verabreden. Man geht so eine Verpflichtung ein, abgesprochene Jogging-Termine auch einzuhalten - selbst wenn man in der konkreten Situation eigentlich keine 'Lust' hat. Es handelt sich dabei um nichts anderes als eine Eigensteuerungstechnik oder Selbstkontrolle.
Wenn dann einmal die ersten mühevollen Schritte getan sind, kommen weitere verhaltenstherapeutische Einflüsse zur Wirkung. Wer z.B. mit dem Bewusstsein, eigentlich nicht laufen zu können, mit dem Joggen beginnt, hat zunächst verständliche Angst vor dieser Anforderung. Um diese Versagungsangst abzubauen, muss das 'Anspruchsniveau' zu Beginn des Laufens auf das von LaufanfängerInnen heruntergeschraubt werden. Wer noch nicht laufen kann, für den sind beispielsweise ein Wechsel von zwei Minuten Laufen und drei Minuten Gehen schon sehr viel. Das jeweilige Laufpensum muss so gestaltet sein, dass - wenn auch mit beachtlicher Anstrengung - das Ziel immer erreicht wird. Durch das angepasste und damit erreichte Laufpensum verliert der/die LaufanfängerIn seine/ihre Versagungsangst. Es ist schon ein tolles Gefühl, etwas zu schaffen, was man sich eigentlich nicht zugetraut hat und wenn es auch vielleicht erst fünf Minuten ununterbrochenes Laufen sind. Der/die JoggerIn reagiert von Lauf zu Lauf immer weniger ängstlich; er/sie wird unempfindlich gegenüber dieser Angst. Dieses Heranführen an angstbesetzte Handlungen und ihre allmähliche Überwindung kennen wir in der Verhaltenstherapie als in vivo Desensibilisierung.
Dieses Prinzip wirkt nun für den Laufneuling nicht nur bezüglich seiner/ihrer anfänglichen Laufangst. Die praktische Erfahrung mit Joggen als Therapie zeigt nämlich, dass sich ein Angstabbau, wenn er einmal eingesetzt hat, verallgemeinert (Generalisierungseffekt). Das heißt: Nachdem der/die JoggerIn festgestellt hat, dass seine Laufangst unbegründet war, verlieren in vielen Bereichen auch andere Ängste, die mit dem Laufen überhaupt nichts zu tun haben, ihre Bedeutung. Er/sie traut sich nun auch in anderen Lebensbereichen, die bisher vermieden wurden, mehr zu.
Mit dem angepassten Anspruchsniveau, achtet man darauf, dass es gewissermaßen ein vorprogrammiertes Erfolgserlebnis gibt, das für die geleistete Mühe eine Belohnung (= operante Verstärkung) darstellt. Diese Belohnung kann von innen her kommen (= intrinsische Verstärkung), wie das dargestellte Erfolgserlebnis, oder auch von außen (= extrinsische Verstärkung), z.B. durch Lob oder Bewunderung von Mitmenschen. In vielen Fällen wirken beide Mechanismen gemeinsam.
Bemerkenswert erscheint auch das neue Körpergefühl, das regelmäßig joggende Menschen aufbauen. Es entwickelt sich eine zunehmend sensiblere Körperwahrnehmung. Muskeln, Bänder, Gelenke, Puls und Atmung werden während und nach einem Lauf deutlicher wahrgenommen. LäuferInnen entwickeln durch die sensiblere Wahrnehmung ihrer Körperempfindungen beim Joggen zumindest in Teilbereichen Fähigkeiten, wie sie sonst nur durch Biofeedback-Verfahren vermittelt werden. Er/sie lernt ohne Geräte auf seinen/ihren Körper in positiver Hinsicht zu 'hören'.
An der jeweiligen Jogging-Leistung' lässt sich nichts herumdeuteln. Dieser simpel anmutende Sachverhalt hat bezüglich des Problems von Fehlattribuierungen ganz erhebliche therapeutische Bedeutung. Es gibt kaum eine Möglichkeit, für die erbrachte Jogging-Leistung andere Menschen oder günstige Umstände verantwortlich zu machen. Gerade der depressive Mensch mit seinen typischen Fehlattribuierungen kommt nicht umhin, sie als Ergebnis seines ureigenen Bemühens anzuerkennen. Er/sie wird gewissermaßen zur Änderung seiner/ihrer Fehlzuschreibungen zur richtigen Ursachenattribuierung hin ‚gezwungen’.
Besonders günstig ist dieser Effekt veränderter Attribuierungen, wenn das Joggen in einer Gruppe erlernt wird. Die Gespräche in der Gruppe nehmen die Gefahr, die eigene Leistung mit Überlegungen abzuwerten wie 'Was sind schon zehn Minuten Laufen; andere laufen spielend 20 Kilometer." In der Laufgruppe wird eine solche Fehlbeurteilung in der Regel schon dadurch verhindert, dass jeder sieht, dass sich alle Laufanfänger bemühen müssen, um den jeweiligen Programmpunkt zu bewältigen und stolz auf ihre anfängliche Leistung sind.
Ein weiterer Punkt ist die entspannungsfördernde Wirkung des Laufens. Nach einem Lauf fühlt sich der/die JoggerIn entspannt - nicht 'kaputt' (lediglich in den ersten Wochen des Laufbeginns kann es sein, dass man etwas 'wacher' oder 'aufgekratzter' ist). Kein Wunder also, dass nervöse Menschen durch das ‚Entspannungsverfahren’ Joggen insgesamt ruhiger und gelassener werden und beispielsweise wieder besser schlafen können.
Schließlich führt das Laufen in der Regel zu einem bewussteren Wahrnehmen der Umwelt und damit verbunden zu einer verbesserten Fähigkeit, positive Dinge wahrzunehmen. Hier erkennen wir die Prinzipien des verhaltentherapeutischen Genusstrainings (Euthyme Behandlungsstrategien) wieder (Koppenhöfer, 2002; Lutz et al., 1999).
Diese Faktoren verdeutlichen, dass das Joggen zu Recht einen festen Platz im Rahmen verhaltenstherapeutischer Techniken beanspruchen kann.
Literaturverzeichnis
Aaken van, E. (1984). Das van Aaken Lauflehrbuch. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.
Aaken van, E. & Lennartz, K. (1987). Das Laufbuch der Frau. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.
Bartmann, Ulrich (1989). Lauftherapie bei Krankenpflegepersonal. Heidelberg: Asanger.
Bartmann, Ulrich (1991). Laufen und Joggen und seine positiven Auswirkungen auf die Psyche. Stuttgart: Trias (Thieme, Hippokrates, Enke).
Bartmann, Ulrich (2005, 4. erw. Auflage). Laufen und Joggen für die Psyche. Tübingen: dgvt-Verlag.
Bleuler, E. (1916/83, 15. von Max Bleuler überarbeitete Auflage). Lehrbuch der Psychiatrie. Berlin: Springer.
Buchmann, K. E. (1978). Kommunikative Bewegungstherapie. In G. Bäumler, E. Hahn & J. R. Nitsch (Hrsg.), Aktuelle Probleme der Sportpsychologie (S. 230-237). Schorndorf: Hofmann.
Cooper, K. H., (1970). Bewegungstraining. Frankfurt: Fischer.
Galloway, J. (1986). Richtig laufen mit Galloway. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.
Harper, F. D. (1984). Jogotherapy. In M. L. Sachs, Michael L. & G. W. Buffone (Hrsg.), Running As Therapy (S. 83-92). Lincoln: Univ. Nebraska Press.
Koppenhöfer, E. (2002). Kleine Schule des Genießen. Lengerich: Papst.
Lutz, R.; Mark, N., Bartmann, U.; Hoch, E. & F.-M. Stark, F (1999). Beiträge zur Euthymen Therapie. Freiburg: Lambertus.
Nitsch, S. & Nitsch, J. R. (1978). Psychotherapie und Sport. In G. Bäumler; E. Hahn, & J. R. Nitsch (Hrsg.), Aktuelle Probleme der Sportpsychologie (S. 218-229). Schorndorf: Hofmann.
Sachs, M. L. & Buffone, G. W. (1984). Running As Therapy. Lincoln: Univ. Nebraska Press.
Weber, A. (1984). Gesundheit und Wohlbefinden durch Laufen. Paderborn: Junfermann.
[1] Hinweise zum Autor:
Professor Dr. Ulrich Bartmann
Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt
Münzstraße 12
97070 Würzburg