Psychotherapeutisches Arbeiten mit schwulen Männern - Ein Beitrag zur Diskussion

Philipp Hammelstein [1],[2]

Zusammenfassung: Aufbauend auf den in der jüngeren Zeit erschienenen deutschsprachigen Überblicksarbeiten zu den Besonderheiten homosexueller Lebenswelten in der Klinischen Psychologie und Psychotherapie wird ein Beitrag zur Diskussion vorgelegt. Es wird aufgezeigt, dass das Konzept der Entwicklungsaufgaben nach Havighurst (1953) prinzipiell auch für schwule Männer geeignet ist, dass es bislang allerdings an der diesbezüglichen psychologisch-inhaltlichen Ausgestaltung mangelt. So ist es unklar, welchen spezifischen Entwicklungsaufgaben sich schwule Männer nach der Bewältigung ihres Coming-outs gegenübersehen. Hierzu wird auch eine Erweiterung des Methodeninventars in der klinisch-psychologischen Forschung gefordert. Des Weiteren werden Themen beschrieben, die in der psychotherapeutischen Arbeit mit schwulen Männern auftauchen können. Auf diesen Themen aufbauend wird eine psychotherapeutische Haltung beschrieben, die in der Arbeit mit männlichen homosexuellen Klienten förderlich ist. Abschließend werden Schlussfolgerungen für die Ausbildung zukünftiger Therapeutinnen und Therapeuten diskutiert.

1. Einleitung

Nachdem vor über 30 Jahren die Diagnose der Homosexualität aus dem Krankheitskatalog der APA gestrichen wurde, war es um den Phänomenbereich der Homosexualität zunächst erstaunlich still. Beschäftigten sich in den 1960er Jahren noch bis zu 2,5 % aller Artikel in den zehn wichtigsten psychiatrischen Journals mit Aspekten der Homosexualität, sank dieser Anteil nach 1973 (dem Jahr, in dem Homosexualität aus dem Krankheitskatalog gestrichen wurde) rapide ab (vgl. Abbildung 1).

 

Abb. 1: Verhältnis der Artikel, die sich mit Homosexualität befassen, zu der Gesamtzahl der Artikel in den zehn wichtigsten psychiatrischen Journals, gemessen am Impact-Faktor (vgl. Hammelstein, 2006a, S. 34).

Diese Nichtbeschäftigung mit dem Thema spiegelt allerdings keineswegs automatisch eine vorurteilsfreiere Sichtweise der professionellen Psychologie wider. Noch 1986 äußert sich Otto Kernberg, dass man „eben, ganz einfach gesagt, keine Homosexualität ohne ausgeprägte Charakterstörung“ fände (Kernberg, 1985, S. 184). Diese pathologisierende Haltung bezüglich homosexueller Menschen war dabei nicht nur fester Bestandteil der psychoanalytischen Lehrmeinung, sondern auch der verhaltenstherapeutischen. So findet sich in einem gängigen deutschsprachigen Lehrbuch zur Psychotherapie, das 1996 überarbeitet und 2004 in gleicher Fassung neu aufgelegt wurde, folgende Sequenz[3]:
Aversive Gegenkonditionierung ist ebenfalls bei der Behandlung der Homosexualität angewendet worden. Feldman und McCoulloch (1971) boten männlichen Homosexuellen Dias mit nackten Männern an. Während der Darbietung erhielten die Klienten einen Schock, den sie aber vermeiden konnten, wenn sie durch Knopfdruck das Bild verschwinden ließen .... Abgesehen von der Fragwürdigkeit einer solch oberflächlichen Betrachtungsweise der Homosexualität sind natürlich andere Verhaltensänderungen notwendig ..., damit ein dauerhafter Erfolg möglich ist.
Wohlgemerkt: als „oberflächlich“ eingeschätzt wird hier nicht etwa die ethische Betrachtung möglicher Konversionstherapien, sondern nur die Betrachtung der Homosexualität. Und unter „Erfolg“ wird die dauerhafte Veränderung der homosexuellen Orientierung hin zu einer heterosexuellen Orientierung verstanden. Eine ethische Diskussion unterbleibt vollständig.
Fernab dieser pathologisierenden Psychologie und Psychiatrie entstanden Forschungsprojekte und Publikationen, die zumeist von schwulen Psychologen bzw. lesbischen Psychologinnen initiiert, publiziert und gelesen wurden. Die Arbeit von Organisationen wie der Division 44 der American Psychological Association (APA), der Association of Lesbian, Gay and Bisexual Psychologists Europe (ALGBP Europe) oder des Verbandes lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen in Deutschland (VLSP) wurden jahrelang überwiegend von homosexuellen Psychologen (bzw. schwuler und lesbischer Klientel) wahrgenommen. Mit dem öffentlichen Gewahrwerden der HIV-Infektion in den 1980er Jahren rückten dann zumindest schwule Lebenswelten in das Blickfeld der akademischen Psychologie, wenn auch einseitig unter dem Fokus des sexuellen Risikoverhaltens bzw. der Diagnoseverarbeitung.
In der deutschsprachigen Psychologie war es Peter Fiedler, der mittels einer umfangreichen Buchpublikation auf die Relevanz des Themas hingewiesen und damit auch die Diskurs- und Forschungswürdigkeit dieses Themas etabliert hat (Fiedler, 2004). Dass in der Zeitschrift Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis ein Themenheft „Gesundheit von Lesben, Schwulen und Bisexuellen – Forschung und therapeutische Praxis“ (VPP 3/2006) erscheint und im Psychotherapeutenjournal Lisa Schneider (2006) eine Überblicksarbeit zu lesbischen Frauen in der Psychotherapie publiziert, dürfte nicht unwesentlich auf Fiedlers Buch zurückzuführen sein.
Der vorliegende Beitrag fußte ursprünglich auf einem Vortrag im Rahmen eines Symposiums mit dem Titel „‚Irgendwie anders‘: Die Bedeutung von interindividueller Differenz und Verschiedenheit in der psychosozialen Arbeit in Beratung und Psychotherapie“ und entsprach eher einer Übersichtsarbeit. Um den in der jüngsten Zeit erschienenen ausführlichen Übersichtsarbeiten (Dennert, 2006; Fiedler, 2006a; Frank, 2006; Hammelstein, 2006b; Schneider, 2006) jedoch nicht einfach eine weitere hinzuzufügen, die letztlich in der Qualität hinter der Gesamtheit dieser Arbeiten zurückbleiben muss, wird hier stattdessen ein Beitrag zur Diskussion formuliert, der sich zwar letztlich mit der Frage befasst, welches Rüstzeug in der Arbeit mit schwuler Klientel empfehlenswert sein kann, der aber auch die Basis einer solchen Arbeit wie beispielsweise psychologische Forschungsfragen und -methoden in das Blickfeld rücken möchte.

2. Eine offene psychologische Frage: Coming-out und was dann?

Natürlich gibt es noch eine Unzahl offener psychologischer Fragen im Bereich homosexueller Lebenswelten, da eine vorurteilsfreie Begegnung mit diesem Thema an universitären Forschungseinrichtungen – von einzelnen Ausnahmen abgesehen – erst ein Ergebnis der jüngsten Entwicklung ist. Eine dieser Fragen, die zwar immer wieder mit Energie und der Bereitstellung nicht unerheblicher Ressourcen beforscht wird, ist die Frage nach den Ursprüngen der Homosexualität. Dabei werden die Ursprünge – entsprechend der aktuellen Entwicklung innerhalb des psychologischen Fachs – vorrangig im Biologischen vermutet (Mustanski, Chivers & Bailey, 2002; Pillard & Bailey, 1995). In der weit überwiegenden Mehrzahl dieser Forschungsansätze wird dabei die sexuelle Orientierung unter kontinuierlicher Missachtung der empirischen Merkmale des zu untersuchenden Gegenstandes als dichotomes Merkmal aufgefasst (vgl. hierzu auch Fiedler, 2004; Hammelstein, 2006b).
Aber gerade diese Frage zählt nach meinem Dafürhalten zu den weniger relevanten. Interessanterweise lässt sich nämlich keine ähnliche Forschungsintensität zur Fragen nach den Ursprüngen der Heterosexualität verzeichnen. Und so bleibt manch einem (homosexuellen) Rezensenten bei der Betrachtung dieser Forschungsrichtung ein Unbehagen zurück: Die möglichst exakte Bestimmung von Kausalfaktoren ist allgemein vor allem dann vonnöten, wenn Einfluss auf die abhängige Variable genommen werden soll. Die Veränderung einer Variablen wird jedoch in den überwiegenden Fällen dann angestrebt, wenn die aktuelle Ausprägung als unerwünscht oder dysfunktional bewertet wird. Dabei ist natürlich anzumerken, dass es letztlich gar nicht möglich ist, die Entstehung einer homosexuellen Orientierung getrennt von der Entstehung einer heterosexuellen Orientierung zu untersuchen. Letztlich geht es um die Erforschung der Entstehung des Sexuellen, die von der oben erwähnten Forschungsrichtung aber gerade nicht unternommen wird.
Die Beantwortung der Frage, wie groß nun der Varianzanteil bei der Entstehung einer vorwiegend homosexuellen Orientierung ist, der auf genetische oder neurohormonale Prozesse zurückzuführen sei, hilft keiner Psychotherapeutin in der täglichen Arbeit mit homosexueller Klientel. Eine Theorie wie der „Exotic Becomes Erotic“-Ansatz (Bem, 1996), der sowohl entwicklungspsychologische als auch biologische Faktoren in die Ursprünge jeglicher sexueller Orientierung einbezieht, reicht für die affirmativ therapeutische Arbeit weitestgehend aus (s. u.).
Eine grundlegende offene Frage, die andere Fragen impliziert, aber auch interessanterweise gerade mit der häufigen Orientierungslosigkeit schwuler Männer korrespondiert, ist die Frage nach spezifischen Entwicklungsaufgaben. Das Konzept der Entwicklungsaufgaben nach Havighurst (1953) legt letztlich nicht den Inhalt, sondern nur die Struktur dessen fest, was als Entwicklungsaufgabe zu gelten habe. So sollen Aufgaben, mit denen sich ein Individuum konfrontiert sieht, dann als Entwicklungsaufgaben bezeichnet werden, wenn sie sich einem Individuum in einer konkreten Phase stellen und wenn das Ausmaß an Bewältigung dieser Aufgabe mit der Zufriedenheit des Individuums und seiner Möglichkeit, auch zukünftige Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, in Zusammenhang steht (beispielsweise Geschlechtsrollenidentifikation, Erwerb von Kulturtechniken etc.).
Während sich die Entwicklungsaufgaben von Kindern, unabhängig davon welche manifeste sexuelle Orientierung sie später einmal haben werden, sehr ähneln, so tauchen doch die ersten Besonderheiten bereits in der Pubertät auf. Prähomosexuelle Jugendliche machen hier die Erfahrung, bestimmte Prozesse ganz anders zu erleben als ihre gleichgeschlechtlichen Peers, da sie das gleiche Geschlecht als erotisch erleben. Das Zulassen dieses Andersseins und das Akzeptieren-Können der eigenen sexuellen Identität ist ein Prozess, der gemeinhin als Coming-out bezeichnet wird und in der therapeutischen Arbeit eine große Relevanz hat (s. u.). In Lehrbüchern der Entwicklungspsychologie wird häufig das „Eingehen von heterosexuellen Beziehungen“ als Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz genannt. Dies kann, muss aber nicht bei homosexuellen Jugendlichen so gestaltet sein. Eine erfolgreiche Bewältigung der Adoleszenz und der Jugend beinhaltet für schwule Männer eben das Eingehen gleichgeschlechtlicher Beziehungen und das Akzeptieren und Ausgestalten der eigenen Identität. Die erfolgreiche Bewältigung dieser Aufgabe hat aber nun bei schwulen Männern zur Folge, dass die darauf aufbauenden Phasen ganz anders aussehen, als es nach der inhaltlichen Beschreibung der Entwicklungsaufgaben nach Havighurst den Anschein haben mag. Die Partnerwahl, eine entsprechende Heirat und die Geburt von Kindern entsprechen vielerorts bereits nicht mehr den typischen heterosexuellen Entwicklungsaufgaben. Bei homosexuellen Menschen sind hier aber teils biologische teils juristisch-gesellschaftliche Grenzen gesetzt. Jenen stellt sich hier nämlich ganz überwiegend die Aufgabe, sich mit der faktischen Unerfüllbarkeit eines Kinderwunsches auseinanderzusetzen (bei lesbischen Frauen ist die Erfüllbarkeit eines solchen Wunsches aufgrund der biologischen Gegebenheiten eher möglich).
Was bleibt also neben dem Aufbau einer beruflichen Karriere als spezifische Entwicklungsaufgaben für schwule Männer nach dem Coming-out? Die akademische Psychologie hat sich diese Frage meines Erachtens noch nicht gestellt. Und interessanterweise finden sich in der Psychotherapie mit schwulen Männern des mittleren Erwachsenenalters dann auch häufig Themen wie beispielsweise ein Festhalten-Wollen am jugendlichen Körper, das Nachtrauern einer jugendlichen Unbeschwertheit, der Wunsch nach einer festen Partnerschaft, die dem heterosexuellen Modell gleicht etc.
Hier sei ein kurzer Einschub zur klinisch-psychologischen Methodologie gestattet, der allerdings den Rahmen des vorliegenden Beitrages sprengen würde, wenn er vollständig ausgestaltet wäre. Dennoch wird hier etwas deutlich, was auch in anderen Bereichen der Klinischen Psychologie Geltung haben dürfte. Die Frage, welchen Entwicklungsaufgaben sich schwule Männer in unserer Gesellschaft und in unserer jetzigen Zeit gegenübersehen, lässt sich weder experimentell noch via Fragebogen sinnvoll erfassen. Qualitative Forschung, also eine psychologische Forschung, die sich auf das qualitative Interview als Erhebungsinstrument stützt und ein entsprechendes Auswertungsverfahren ansetzt, das selbstverständlich damit korrespondierenden Gütekriterien genügen muss (vgl. Lamnek, 1993a, 1993b; Miles & Huberman, 1994), wird in der akademischen Psychologie zwar noch mancherorts gelehrt, aber kaum noch angewendet. Nicht zuletzt deshalb, weil die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) auch kaum noch Projekte mit entsprechender Methodik fördert bzw. es in vielen nationalen und internationalen Fachzeitschriften unmöglich ist, Ergebnisse entsprechender Studien zu publizieren. Dabei macht eine solche Herangehensweise gerade klinisch Tätigen ein inhaltlich reiches Material zugänglich, wenn sie sich bislang unbekannten Lebenswelten in ihrer Tätigkeit gegenübersehen. Zudem korrespondiert die qualitative Forschungsmethodik mit den Anforderungen des klinisch-praktischen Alltags (nämlich Heuristiken zu entwerfen und Hypothesen zu generieren) wesentlich mehr.
Ein weiterer Grund spricht gerade im Bereich homosexueller Stichproben gegen eine ausschließliche Nutzung quantitativer Methodiken. Stichproben schwuler Männer unterliegen unabhängig von der Art der Rekrutierung bestimmten Stichprobenfehlern (vgl. Hammelstein, 2006b, 2006c). Da keinerlei Informationen über die Verhältnisse in der Grundgesamtheit vorliegen, sind repräsentative Stichproben nicht zu erreichen. Bestimmte Gruppierungen von Schwulen sind nolens volens über-, andere unterrepräsentiert.
Bochow (2005, 2006) hat jüngst gezeigt, welche klinische Relevanz Studien haben können, denen eine qualitative Methodik zugrunde liegt. Seine Analyse von qualitativen Interviews mit 30 homosexuellen Männern zwischen 53 und 78 Jahren bieten dem Kliniker mehr Einblicke in das Leben älterer schwuler Männer als es jede Korrelationsmatrix an einem Datensatz von beispielsweise 500 Männern mit entsprechender Fragebogenmethodik könnte.
Dem forschungsbezogenen Güteziel einer evidenzbasierten Medizin sollte sich im klinisch-psychologischen Bereich das Ziel der therapeutischen Relevanz der Forschung hinzugesellen. Therapeutisch relevant sind selbstverständlich die Effektivität und die Effizienz psychotherapeutischer Verfahren, aber noch viele weitere Aspekte mehr, die den Inhalt der therapeutischen Arbeit bestimmen. Einigen dieser Aspekte – und dies wird im Bereich homosexueller Lebenswelten besonders deutlich – wird man mit einer ausschließlich quantitativ orientierten Methodik nicht gerecht. Darüber hinaus gibt es aber meines Erachtens derzeit zu viele klinische Studien, die keine Grundlagenforschung sind und den quantitativen Gütekriterien aufs höchste entsprechen, einem Zielkriterium einer therapeutischen Relevanz aber häufig nicht ausreichend genügen würden.

3. Welche spezifischen Themen erwarten Therapeuten in der Arbeit mit schwulen Männern?

Schwule Männer kommen grundsätzlich mit den gleichen psychischen Störungen wie heterosexuelle Klienten auch. Allerdings sind die Bedingungen, unter denen diese Störungen entstanden sind, und auch die Bedingungen, unter denen diese Störungen aufrechterhalten werden, häufig andere als bei heterosexuellen Klienten. Dies liegt an den fundamental anderen Sozialisationserfahrungen schwuler Jugendlicher im Vergleich zu ihren heterosexuellen Peers (vgl. Biechele, 2004) und den später darauf aufbauenden Lebensstilen und -plänen.
Welche Themen nun in der Psychotherapie mit schwulen Männern relevant werden, hängt nicht zuletzt davon ab, ob der Therapeut es schafft, einen vorurteilsfreien, empathischen und nicht-heterosexistischen Raum zu schaffen, in dem sich der Klient öffnen kann. Dass dies leider keine Selbstverständlichkeit ist, sondern im Gegenteil Lesben und Schwule mit Diskriminierungen im Gesundheitssystem rechnen müssen, zeigt Wolf (2006).
Die folgende Themenauflistung beansprucht keine Vollständigkeit und ist nicht das Ergebnis systematischer Erhebungen zu diesem Thema, sondern fußt auf den klinischen und persönlichen Erfahrungen des Autors. Es ist möglich, dass diese Themen in Psychotherapien auftauchen und dass sie insofern an Relevanz gewinnen, als sie aufrechterhaltende Bedingungen für psychopathologische Symptome darstellen können:

  1. die „schwule“ Identität/Coming-out
  2. Kinderwunsch
  3. Männlichkeit bzw. Männlicher Geschlechtsrollenstress
  4. Körperlichkeit/Jugendlichkeit
  5. HIV und sexuelles Kontaktverhalten, und
  6. Konstruktionen von Partnerschaft.

Die „schwule“ Identität/Coming-out

Es ist für Jugendliche kaum möglich, die Ablehnung von Homosexualität, die durch Erziehung, Schule und Religion erfolgt, nicht zu verinnerlichen (vgl. D’Augelli & Patterson, 2001), was dann als „internalisierte Homophobie“ bzw. „internalisierte Homonegativität“ bezeichnet wird. Eine gemeinsame Erfahrung homosexueller Jugendlicher ist also die Selbstablehnung eines Kernbereiches der Identität. In einer Studie von Safren und Heimberg (1999), in der homo- und bisexuelle Jugendliche mit heterosexuellen Jugendlichen verglichen wurden, konnte gezeigt werden, dass sich die deutlich höhere Depressivität und Hoffnungslosigkeit der homo- und bisexuellen Jugendlichen regressionsanalytisch auf das stärkere Ausmaß an sozialem Stress und das geringere Ausmaß an erlebter sozialer Unterstützung zurückführen lässt. Die Autoren interpretieren dies so, dass es nicht die von der heterosexuellen Norm abweichende Sexualorientierung selbst ist, die zu einer größeren Prävalenz an psychischen Problemen und Störungen beiträgt, sondern die Stigmatisierung und die mangelnde soziale Unterstützung des Umfeldes. In ihrer Metaanalyse verweisen Plöderl, Sauer und Fartacek (2006) auf die deutlich höheren Suizidgedanken und auch Suizidversuche homosexueller Jugendlicher im Vergleich zu heterosexuellen Jugendlichen.
Schwule Identität entsteht also in einem Diskriminierungs- und Stigmatisierungszusammenhang. Dabei ist davon auszugehen, dass sich die entsprechenden Erfahrungen langfristig in der psychischen Struktur der Menschen niederschlagen. Es bleibt abzuwarten, ob die zunehmende Toleranz in den Medien und entsprechende Jugendangebote in Großstädten hier einen positiven Effekt haben werden. Ein theoretisches Rahmenkonzept, das auch für die Forschung fruchtbar sein kann, bietet Meyer (2003) mit dem Konzept des Minoritätsstresses an. Innerhalb dieses Modells verweist er auf verschiedene Pfade, wie dieser Minoritätsstress auch auf die psychische Gesundheit Einfluss haben kann (vgl. auch Hammelstein, 2006b).
Im Identitätsprozess ist das Coming-out ein wesentlicher Schritt zu mehr Autonomie und Selbstbestimmung. Wenn das Coming-out auch zunehmend früher stattfindet (vgl. Biechele, 2004), so gibt es doch nach wie vor Menschen, die sich lieber für ein verdecktes Leben entscheiden, die also ihre Homosexualität (im Sinne von sexuellem Verhalten) entweder versteckt oder auch gar nicht leben. Sexuelle Orientierung und sexuelles Verhalten müssen folglich nicht immer deckungsgleich sein. Es sei an dieser Stelle schon einmal darauf hingewiesen, dass es hier kein normatives Entwicklungsziel gibt, was mit psychischer Gesundheit gleichzusetzen wäre – etwa dergestalt, dass ein schwuler Mann einen möglichst offenen Umgang mit seiner Homosexualität haben sollte. Ein Outing ist nicht in jedem Lebensbereich funktional!
Aber auch wenn der hochindividuelle Coming-out-Prozess für den schwulen Jugendlichen oder Mann letztlich befriedigend verlaufen ist, so bleibt es häufig eine lebenslange Frage, was denn eigentlich eine schwule Identität ist (vgl. Morrow, 2000). Dabei fehlen schwule Rollenvorbilder in der Sozialisation meist gänzlich. Die Schwierigkeiten in dieser Identitätssuche könnten meines Erachtens eine Ursache dafür sein, dass schwule Gruppierungen häufig so holzschnittartige Identitätsmuster anbieten („Lederschwule“, „Bären“, „Hunks“ usf.), die teilweise von Schwulen auch bereitwillig übernommen bzw. aufgesucht werden (hinzu kommen vermutlich noch weitere Prozesse, die dies begünstigen; so ist anzunehmen, dass die Selbstdefinition über den eigenen Fetischismus auch eine komplexitätsreduzierende Selbstattribuierung darstellen kann).

Kinderwunsch

Es gibt bereits heute viele lesbische Mütter und schwule Väter. Die Kinder schwuler Väter stammen allerdings zu einem überwiegenden Teil noch aus der Zeit der heterosexuellen Partnerwahl (vgl. hierzu Bochow, 2005; Jansen & Steffens, 2006). Taucht der Kinderwunsch jedoch bei bislang kinderlosen schwulen Männern im Laufe ihrer Biographie auf, so bleibt dieser in aller Regel unerfüllt, da der Gesetzgeber hier entsprechende Regelungen bislang nicht vorgenommen hat und aller Wahrscheinlichkeit nach auch in der mittelfristigen Zukunft nicht vornehmen wird. Noch 2004 schreibt die damalige Bundesregierung: „Die Bundesministerin der Justiz hat immer wieder betont, dass es ein gemeinsames Sorgerecht sowie ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare nicht geben wird. In diesem Zusammenhang wird die Erziehungskompetenz lesbischer und schwuler Eltern in Frage und in Abrede gestellt“ (Bundestag, 2004). Dass diese Haltung jeglicher empirischen Grundlage entbehrt, hatte bereits ein Gutachten für das nord-rhein-westfälische Familienministerium ergeben (Berger, Reisbeck & Schwer, 2000). Ganz allgemein zeigt sich, dass Kinder schwuler Väter bzw. lesbischer Mütter genauso emotional und sozial kompetent sind wie ihre Peers vorwiegend heterosexueller Eltern (Berger et al., 2000; Jansen & Steffens, 2006).
Wenn dieses Thema auftaucht, geht es in der Psychotherapie mit schwulen Männern zu einem überwiegenden Teil dann darum, mit diesem unerfüllten Kinderwunsch umgehen zu lernen. Hierzu kann auch ein Trauern gehören, bestimmte Lebensziele oder Familienmodelle nicht erleben zu können. Dabei können dann auch alternative Möglichkeiten der Generativität erarbeitet werden.

Männlichkeit bzw. Männlicher Geschlechtsrollenstress

Schwule Jugendliche erfahren in aller Regel in ihrer Sozialisation, dass sie als weniger männlich bewertet werden. Dies lässt sich bereits an den verwendeten Schimpfwörtern wie „Schwuchtel“, „Tunten“ oder im englischsprachigen Raum „Sissies“ ablesen. Dabei ist die Ablehnung durch männliche Jugendliche stärker als durch weibliche Jugendliche (Baker & Fishbein, 1998).
Davies (1996) geht davon aus, dass diese Kränkung im Bereich der männlichen Geschlechtsrolle von unterschiedlichen dysfunktionalen Kompensationsstrategien gefolgt werden kann, wenn sie nicht positiv verarbeitet wird. So kann dieses Urteil hingenommen werden und nach außen hin kann beispielsweise eine provokativ effeminierte Geschlechtsrolle an den Tag gelegt werden („Tunte“) – so als wäre es gar nicht das Ziel dieses schwulen Mannes, auch eine Form von Männlichkeit auszugestalten. Ein alternativer Lösungsversuch kann darin bestehen, nun besonders männlich zu wirken, was durch Kleidung, Psychomotorik oder besonders trainierte Muskulatur o. ä. zum Ausdruck gebracht werden kann („Hunks“). Erstere Strategie wäre ein Verarbeitungsmuster des Sich-Fügens, letzteres eines der Überkompensation im Sinne der Schematherapie (Young, Klosko & Weishaar, 2003). Beide Lösungsstrategien verhindern jedoch eine wirkliche Auseinandersetzung mit der erfahrenen Verletzung und der eigenen authentischen Ausgestaltung von Männlichkeit. Das bedeutet, dass das erfahrene Schema „Ich bin nicht männlich (genug)“ durch diese Strategien nicht etwa überwunden, sondern aufrechterhalten wird.
Schwule Männer dürften also eine besonders diffuse Form des Männlichen Geschlechtsrollenstresses (MGRS; Eisler, 1995) erleben, da die Männlichkeitsnorm, die diese Form des Stresses bedingt, nicht klar ist. Sie entspricht vermutlich einer Mischung aus verinnerlichten heterosexuellen Männlichkeitsnormen und von der so genannten „Gay Community“ über Medien implizit postulierten Normen. Leider fehlen – soweit ersichtlich – bislang Studien, welche die besondere Ausgestaltung des MGRS bei schwulen Männern und dessen Auswirkungen untersucht haben.

Körperlichkeit/Jugendlichkeit

Sehr eng verbunden mit der Suche nach Männlichkeit sind die Erwartungen an die körperliche Attraktivität, auf die auch Fiedler (2006b, S. 28) hinweist:
Aber in der Art, wie Lesben und Schwule auf ihre körperliche Erscheinung und ihr Äußeres Wert zu legen beginnen, und in dem Ausmaß, wie sie hohe Erwartungen auch an ihre Partner/innen entwickeln, unterscheiden sie sich in der Tat von anderen Gruppen – das ist auch durch Forschungsarbeiten immer wieder belegt worden, deren Autoren zumeist selbst Lesben und Schwule sind (Etnyre, 1990; Blumstein & Schwartz, 1983).
Legenbauer (2006) verweist in ihrer Literaturübersicht darauf, dass in Studien zu Essstörungen bzw. zu psychopathologischen Symptomen von Essstörungen schwule Männer deutlich überrepräsentiert sind. Dies betrifft sowohl Studien zu anorektischer, zu bulimischer Symptomatik als auch zu restriktivem Essverhalten. Dabei zeigt sich auch, dass schwule Männer ein deutlich restriktiveres Schlankheits- und Attraktivitätsideal haben als heterosexuelle Männer und dass die Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von der subjektiv eingeschätzten körperlichen Attraktivität ebenfalls größer ist. In einer bislang nicht publizierten Studie von Legenbauer und Schäfer (Legenbauer, persönliche Mitteilung, 24.01.2007) korreliert dabei die Einbindung in die so genannte Szene mit der Orientierung am Schlankheitsideal.
Dies korrespondiert mit der klinischen Erfahrung, wonach die so genannte „Gay Community“ von schwulen Klienten häufig sehr ambivalent bewertet wird. Zwar bietet sie die Möglichkeit, sich mit anderen schwulen Männern zu treffen, Männer kennenzulernen, seine Identität nicht verstecken zu müssen etc., gleichzeitig sehen sich viele Schwule aber auch mit einem deutlichen Konformitätsdruck und hohen Erwartungen (an die körperliche Attraktivität, das männliche Auftreten etc.) konfrontiert.

HIV und sexuelles Kontaktverhalten

Die Thematisierung sexuellen Kontaktverhaltens dürfte wohl für den heterosexuellen Therapeuten bzw. die heterosexuelle Therapeutin die größte Herausforderung darstellen und am meisten Fingerspitzengefühl erfordern, verdichten sich doch im schwulen Sexualverhalten die Andersartigkeit des Sexualaktes selbst, die anderen sexuellen Normen sowie die heterosexuellen Stereotype über Homosexualität. Dadurch eignen sich provokante Berichte über das eigene Sexualverhalten wohl auch als Beziehungstests im Sinne von Grawe (1998), denn sie testen die Toleranz, Belastbarkeit und Loyalität des psychotherapeutisch Tätigen.
Psychotherapeutisch relevant wird das Sexualverhalten v. a. dann,

  1. wenn es in seinen Funktionen gestört ist (vgl. Berger, 2002; Hammelstein & Hoyer, 2006), also selbst das therapeutische Target ist,
  2. wenn es schamhaft erlebt wird, weil die eigene sexuelle Orientierung abgelehnt wird,
  3. wenn es in dysfunktionale Schemata eingebettet ist (so beispielsweise wenn über Sexualkontakte eine Selbstwertproblematik kompensatorisch reguliert wird),
  4. wenn es in motivationale Konflikte eingebettet ist (so z. B. wenn der Wunsch nach häufigen außerpartnerschaftlichen Sexualkontakten mit den Erwartungen des Partners konfligiert und damit auch mit den Wünschen des Patienten nach einer stabilen Bindung und vice versa), oder
  5. wenn das Sexualverhalten die Gesundheitsgefährdung der eigenen Person oder des Sexualpartners in Kauf nimmt (HIV-Risikoverhalten).

Das Thema HIV und entsprechendes sicheres Sexualverhalten ist zwar in der so genannten „Gay Community“ Dank der AIDS-Hilfen und anderer Einrichtungen omnipräsent, dennoch findet sich seit einigen Jahren eine stetige Zunahme an HIV-Infektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM; Hamers & Downs, 2004; Robert Koch Institut, 2004). Das Robert-Koch-Institut (2004) führt diese Zunahme auf folgende Aspekte zurück:

  1. Eine Zunahme der Testungen in einem frühen Stadium der HIV-Infektion
  2. Die Zahl der lebenden HIV-infizierten Menschen und damit auch der potenziellen Infektionsquellen steigt durch die verlängerte Überlebensdauer kontinuierlich an
  3. Eine Zunahme der Zahl ungeschützter Sexualkontakte
  4. Eine zunehmende Verbreitung anderer sexuell übertragbarer Krankheiten (wie Syphilis oder Gonorrhoe), die als Kofaktoren die HIV-Übertragung erleichtern können und
  5. Ein Anstieg der durchschnittlichen Viruslast in der Gesamtpopulation der HIV-infizierten Menschen dadurch, dass der Behandlungsbeginn mit der hoch-aktiven antiretroviralen Therapie (HAART) im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren nach hinten geschoben wird, der Anteil der (intendiert) nicht-behandelten Personen also ansteigt.

Während die schwulen Männer, die heute im mittleren oder späten Erwachsenenalter sind, meist persönliche Erfahrungen mit den Konsequenzen einer HIV-Infektion haben und den Verlust von Freunden und Bekannten in den 1980er und 1990er Jahren zu beklagen hatten, fehlen diese persönlichen Erfahrungen den heutigen jungen Schwulen weitestgehend. So ist die HIV-Infektion als eine eher abstrakte Bedrohung repräsentiert, die dank der medizinischen Fortschritte handhabbar zu werden scheint (vgl. auch Bochow, Wright & Lange, 2004). Dannecker hat hier die Unterscheidung von „altem“ und „neuem“ AIDS eingeführt (Dannecker, 2000, 2002). Das alte AIDS entspricht dabei der Krankheit in den 1980er Jahren, wo AIDS mit einem sich nähernden unausweichlichen Tod verknüpft war. Da diese Verknüpfung heute so nicht mehr gegeben sei, sei es unausweichlich, dass ungeschützte Sexualkontakte zunehmen würden.

Konstruktionen von Partnerschaft

Schwule Männer und lesbische Frauen wachsen alle nahezu ausschließlich mit heterosexuellen Partnerschaftsmodellen heran. Im Gegensatz zu ihren vorwiegend heterosexuell orientierten Peers haben sie also keinerlei passende Modelle, wenn sie ihre ersten homosexuellen Partnerschaften eingehen. Hierin dürfte Risiko und Chance zugleich bestehen.
Der Vorteil, der in dieser „Modelllosigkeit“ liegt, ist der, dass es keinerlei tradierten Rollenmuster gibt (hier Haushaltsführung, dort Broterwerb), die auf das schwule oder lesbische Paar passen würden. Die Rollen müssen jeweils individuell ausgehandelt werden. Es verwundert also nicht, dass es einige Bereiche gibt, in denen sich schwule Paare von heterosexuellen Paaren unterscheiden. Seferović (2006) erörtert diese Unterschiede ausführlich. Sie seien hier zusammengefasst:

  1. Bei schwulen Paaren gibt es einen Zusammenhang zwischen Gleichverteilung von Macht und Partnerschaftszufriedenheit, der sich bei heterosexuellen Paaren so nicht zeigt
  2. Heterosexuelle Paare werden institutionell wesentlich stärker unterstützt als schwule Paare
  3. Die Unterstützung von Seiten der Kernfamilie ist meist wesentlich geringer, wenn auch neuere deutschsprachige Studien hier einen anderen Trend aufweisen
  4. Viele schwule Paare akzeptieren die sexuelle Nicht-Exklusivität; wesentlich für die Partnerschaftszufriedenheit scheinen transparente Abmachungen zu sein, die konkrete und praktikable Vereinbarungen hinsichtlich des Sexualverhaltens beinhalten
  5. Verglichen mit Ehen haben schwule Partnerschaften eine durchschnittlich geringere Dauer.

Dabei ist es wesentlich, darauf hinzuweisen, dass es keinerlei normative Partnerschaftsmodelle gibt, die in der so genannten Szene favorisiert würden. Bereits das, was schwule Männer unter „Treue“ verstehen oder unter „außerpartnerschaftlichem Sex“ unterscheidet sich von Paar zu Paar. Hier ist es für die Therapie essenziell, sich diese Konstrukte operational beschreiben zu lassen.

4. Die therapeutische Haltung im Umgang mit schwulen Klienten

Sowohl Frank (2006) als auch Fiedler (2004, 2006a) sowie Schneider (2006) haben hervorragende Ideen für die Entwicklung von Leitlinien und die Beachtung spezifischer Aspekte im Umgang mit homosexueller Klientel entwickelt. Insofern sollen diese Aspekte hier nicht erneut aufgelistet werden, sondern es soll versucht werden, die Haltung zu beschreiben, die meines Erachtens den Psychotherapieverlauf mit schwuler Klientel günstig beeinflusst. Dabei wird als konsensuale Prämisse vorausgesetzt, dass Homo- und Bisexualität von den vorwiegend heterosexuell orientierten Therapeutinnen und Therapeuten als gleichwertige Lebensform anerkannt wird und nicht als Ausdruck einer psychischen Störung bewertet wird. Wird dies vom individuellen Psychotherapeuten anders gesehen, so ist dringend von einer psychotherapeutischen Behandlung homosexueller Klienten abzuraten; er würde diesen mehr schaden als nützen.
Dennoch sollte sich jeder Therapeut und jede Therapeutin diese Frage in aller Ruhe stellen und sie nicht vorschnell abtun, weil es derzeit gewünscht ist, „keine Probleme“ mit Schwulen und Lesben zu haben. In einer Studie von Hayes und Gelso (1993) korreliert die Ausprägung der Homonegativität der männlichen Therapeuten mit ihrem Vermeidungsverhalten, d. h. durch ihr nonverbales Verhalten ließen die Therapeuten bestimmte Themen auslaufen, ermunterten ihren Klienten nicht zur weiteren Ausführung etc. Dabei ist zu beachten, dass die Werte für Homonegativität bei diesen Therapeuten dennoch sehr gering waren. Die impliziten Einstellungen von uns psychotherapeutisch Tätigen haben Auswirkungen auf die Art unserer verbalen und nonverbalen Kommunikation. Insofern ist die Reflektion dieser Einstellungen so notwendig (s. u.).
Wenn eine förderliche therapeutische Haltung beschrieben werden soll, so geht es zunächst einmal um eine akzeptierende Haltung von sozialen Realitäten: Schwule Männer haben zu einem ganz überwiegenden Anteil eine Geschichte der Diskriminierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung erfahren, die sie zu großen Teilen nicht selbst zu verantworten haben. Die damit verbundenen Narrative und Emotionen wie Wut, Ärger, Enttäuschung etc. sollten in einer Psychotherapie ihren Raum haben dürfen. Im Sinne eines „Reparenting“ (vgl. Young et al., 2003) kann es hier auch darum gehen, dem Klienten einen wertschätzenden wachstumsfördernden Raum zu geben.
Neben dieser akzeptierenden Haltung sollten auch die eigenen heterosexistischen Tendenzen fortlaufend überprüft werden. So kann sich ja der heterosexuelle Leser bzw. die heterosexuelle Leserin beispielsweise einmal fragen, ob er bei einem männlichen Klienten automatisch nach einer Partnerin fragt, oder ob er/sie dies geschlechtsneutral formuliert. Offene Fragen ohne implizite Vorannahmen können bei homosexuellen Klienten bereits zu Beginn der Behandlung den Beziehungskredit steigern.
Ein zentraler Aspekt in der Behandlung schwuler Männer ist der, dass dem Klienten nicht heterosexuelle Normen als therapeutische Ziele verkauft werden. Nur weil die eigene Partnerschaft eines heterosexuellen Therapeuten augenscheinlich deshalb funktioniert, weil sie auf sexueller Monogamie beruht, heißt dies nicht, dass sexuelle Monogamie bei schwulen Klienten automatisch ein Ziel sein muss. Diese Gefahr dürfte bei vorwiegend verhaltenstherapeutisch tätigen Psychotherapeuten besonders groß sein, da diese Therapieform sehr zielorientiert aufgebaut ist. Fiedler (2006a, S. 661f.) hat dies treffend ausgedrückt: „Psychotherapeuten ... verstehen sich dann eher als Partner ihrer Patienten, die sich mit den Betroffenen zusammen auf eine Erkundungsreise begeben – ohne vorschnell in die Rolle eines Reiseleiters zu verfallen“.
Neben dieser akzeptierenden, wertschätzenden und unvoreingenommenen Haltung bedarf es aber noch einer weiteren. Denn die Gefahr einer Haltung der „übereifrigen Toleranz“ liegt darin, dass der Therapeut von einer Plausibilitätsfalle in die nächste gerät. So wenig der Therapeut bemüht sein sollte, das Verhalten des schwulen Klienten mit seinen eigenen moralischen Normen abzugleichen, so wenig sollte der Therapeut jede vermeintliche schwule Norm akzeptieren (i. S. eines: „So ist das bei uns Schwulen“).
Denn es kann nicht darum gehen, welche Normen nun besser oder moralischer sind (heterosexuelle, homosexuelle, christliche, muslimische oder sonst welche), sondern ausschließlich darum, ob die vom Klienten gewählten Verhaltensstrategien in Bezug auf die Befriedigung entsprechender Bedürfnisse funktional sind und ob der Klient bereit ist, die emotionalen und sozialen Kosten, die mit der Wahl seiner Verhaltensstrategie verbunden sind, zu akzeptieren (vgl. Sachse, 2003). Gesetzt den Fall, dass ein schwuler Klient häufig außerpartnerschaftliche sexuelle Kontakte pflegt, obwohl er weiß, dass sein Partner ein sexuell monogames Beziehungsmodell favorisieren würde, kann es nur darum gehen, gemeinsam mit dem Klienten die möglichen Folgen seiner Strategien zu beleuchten, so dass der Klient in die Lage versetzt wird, zu entscheiden, welche Folgen für sein Verhalten er in Kauf zu nehmen bereit ist. Grundsätzlich gilt aber wie in jeder Psychotherapie: Alles ist hinterfragbar und nichts ist plausibel!
In dem von Fiedler verwendeten Bild der „Entdeckungsreise“ ist noch ein weiterer Aspekt enthalten, der für die Psychotherapie mit schwuler Klientel förderlich ist, nämlich der einer wertfreien Neugier auf schwule Lebenswelten. Gelingt es der Therapeutin, eine solche neugierige Haltung zu entwickeln, so entfaltet sich gleichzeitig eine Chance für die Therapeutin selbst – nämlich kennenzulernen, welche Lebensentwürfe in unserer Gesellschaft möglich sind, wenn bestimmte Normen sozialisationsbedingt abgelehnt werden.

5. Schlussfolgerung für die Ausbildung zukünftiger Therapeutinnen und Therapeuten

Frank (2006) hat darauf hingewiesen, wie dringend notwendig es erscheint, Leitlinien zum psychotherapeutischen Umgang mit homo- und bisexuellen Klienten zu entwerfen und zu publizieren. In Anbetracht der Berichte von schwulen und lesbischen KlientInnen, die darauf hinweisen, dass man versucht habe, ihre sexuelle Orientierung im Rahmen einer Psychotherapie zunächst zu pathologisieren und dann zu modifizieren (vgl. Wolf, 2006), ist es letztlich kaum nachvollziehbar, warum deutsche Fachgesellschaften wie die Fachgruppe Klinische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) o. a. es bislang versäumt haben, entsprechende Leitlinien zu erarbeiten und zu verbreiten.
Neben der Entwicklung von Leitlinien ist es aber auch notwendig, zukünftige Therapeutinnen und Therapeuten in drei Bereichen auf die psychotherapeutische Arbeit mit Schwulen und Lesben vorzubereiten: Im Wissens- und Kompetenzerwerb, bei der themenspezifischen Selbsterfahrung und der Supervision.

Wissens- und Kompetenzerwerb

Psychotherapeuten in Ausbildung benötigen Wissen über die spezifische Lebenssituation und die Lebenswelten von Schwulen und Lesben, über besondere Aspekte der psychischen und körperlichen Gesundheit, Basiswissen im Bereich von HIV-Infektion und sexuellem Risikoverhalten, aber auch über die Geschichte der Diskriminierung, dem „Homosexualitätsdesaster der Psychiatrie“ (Fiedler, 2004) etc. Welche konkreten Inhalte diese Ausbildungselemente im Rahmen eines Weiterbildungscurriculums haben könnten, wurde verschiedentlich diskutiert (vgl. Frank, 2006; Heinrich & Reipen, 1998; Phillips, 2000). In den gängigen Weiterbildungscurricula für die Approbationsausbildung dürfte für entsprechende Seminare durchaus noch Raum sein, denn immerhin ist auch der Raum da, um Wissensgebiete zu wiederholen, die kurz zuvor in den entsprechenden Diplomprüfungen examiniert wurden.
Dieser Wissenserwerb bliebe meines Erachtens aber recht folgenlos, wenn er nicht in eine themenzentrierte Selbsterfahrung eingebettet würde.

Themenzentrierte Selbsterfahrung

Eine themenzentrierte Selbsterfahrung, die sowohl die eigenen homoerotischen als auch die eigenen homophoben Anteil klärt und erfahrbar macht, scheint mir ein Kernstück einer entsprechenden Expertiseentwicklung zu sein. So wie es den meisten Schwulen und Lesben im Laufe ihrer Sozialisation nahezu unmöglich ist, die Ablehnung durch Schule, Erziehung und Religion nicht zu internalisieren, so haben auch vorwiegend heterosexuell orientierte Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen im Laufe ihrer Sozialisation ausreichend Stereotype über Homo- und Bisexualität ausgebildet. Seferović (2006) ist zuzustimmen, wenn er schreibt: „Wir alle [womit wohl die Gesamtheit der vorwiegend heterosexuell orientierten Leserschaft der VPP gemeint ist, P. H.] sind von Kindesbeinen an mit negativen Vorurteilen über homosexuelle Menschen aufgewachsen. Das alleinige ‚Therapeut-Sein‘ dürfte wenig davor schützen, Beurteilungsfehler zu begehen und Homosexuelle vor dem Hintergrund einer ‚heterosexistischen‘ Sozialisation zu bewerten“ (ebd., S. 626).
Expositionen in schwuler und lesbischer Subkultur können hierbei auch helfen, eigene homoerotische und homophobe Anteile erlebbar werden zu lassen. Entsprechende Schemata könnten dadurch gut aktiviert werden und dann im Nachhinein unter Anleitung bearbeitet werden.
Dabei kann diese Selbsterfahrung auch genutzt werden, eigene subjektive Normen über Partnerschaft, Rollenverteilungen, Treue etc. zu klären und auf ihre Funktionalität für die eigenen Bedürfnisse hin zu überprüfen.

Supervision

Ein dritter wesentlicher Bereich ist die Supervision von Psychotherapien mit Schwulen und Lesben. Hier können die Elemente der ersten beiden Ausbildungsmodule, also Wissens- und Kompetenzerwerb sowie Selbsterfahrung, genutzt werden, um sie auf den konkreten Fall zu beziehen. Die Supervision sollte hierbei Wert darauf legen, zu klären, welche emotionalen Reaktionen und motivationalen Impulse der schwule Klient (bzw. die lesbische Klientin) bei dem Psychotherapeuten auslöst, wie diese Reaktionen vor dem Hintergrund der eigenen biographischen Erfahrungen verstehbar werden und welche Annahmen, Schemata o. ä. des Therapeuten innerhalb der Supervision bearbeitet werden sollten, um eine optimale Psychotherapie für den schwulen Klienten zu gewährleisten.
Im Rahmen der Supervision geht es aber auch darum, den richtigen Weg zu finden zwischen kritischer Distanz einerseits und der wertschätzenden akzeptierenden Haltung andererseits. Bei sehr wertschätzenden Therapeutinnen dürfte die Gefahr vorrangig im Bereich der Plausibilitätsfallen liegen, während sie bei teilweise homophoben Therapeutinnen in der unterschwelligen Ablehnung des Klienten liegen dürfte.
Es bleibt zu hoffen, dass eine Fachgesellschaft wie die DGVT, die sich nun mehrfach des Themas der Besonderheit homosexueller Lebenswelten angenommen hat, die notwendigen Schritte veranlasst, um auch die Behandlung von schwulen Klienten und lesbischen Klientinnen zu optimieren.

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[1] Zum Autor: PD Dr. Philipp Hammelstein, Dipl.-Psych., geb. 1974, Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Privatdozent an der Universität Düsseldorf. Dozent und Lehrtherapeut an der Akademie für Angewandte Psychologinnen und Schwuler Psychologen (VLSP); seit 2006 Vorstandsmitglied des VLSP.
Arbeitsschwerpunkte Psychologie und Psychotherapie Köln (APP). Von 2001–2003 Vorstandssprecher des Verbandes Lesbischer mit entsprechenden Publikationen: Sensation Seeking mit gesundheitspsychologischem Schwerpunkt, Paruresis, Besonderheiten homosexueller Lebenswelten, Integrative Psychotherapie.
Korrespondezadresse: Praxis für Psychotherapie, Händelstraße 25–29, 50674 Köln
E-Mail: hammelstein@psycolonia.de

[2] Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Zeitschrift in Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 39. Jg. (1), 43-54, 2007

[3] Da es mir hier nicht darum geht, einen Kollegen, der sich um die Verhaltenstherapie sehr verdient gemacht hat, an den Pranger zu stellen, sondern anhand von Beispielen die Toleranzentwicklung der professionellen Psychologie dargestellt werden soll, unterbleibt eine Quellenangabe. Interessierte LeserInnen können diese beim Autor erfragen.

[4] Selbstkritisch sei hinzugefügt, dass der Autor diese Forschung selbst im Sinne eines cuius regio eius religio angewendet hat, so lange er bestimmten normativen Kräften an deutschen Universitäten ausgesetzt war und diese akzeptiert hatte.