Kinder und Jugendliche im Kontext systemischer Therapie

Rüdiger Retzlaff

(Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlags Klett-Cotta entnommen aus: Rüdiger Retzlaff (2008), Spiel-Räume - Lehrbuch der systemischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Stuttgart: Klett-Cotta.)

1. Kinder und Jugendliche im Kontext systemischer Therapie

1.1 Einführung
Die systemische Therapie ist aus der Arbeit mit Kindern und Erwachsenen heraus entstanden, die an schweren Verhaltensstörungen, Suchtproblemen, Essstörungen oder Psychosen litten oder in widrigen Lebensverhältnissen aufwuchsen, die besser im Kontext ihrer Familien behandelt werden konnten (Hoffman 1982,v. Schlippe & Schweitzer 1996).
Ausgangspunkt der systemischen Therapie ist eine ökologische Perspektive: Kinder, die an Beschwerden leiden, leben nicht in einem Vakuum, sondern sind Teil eines sozialen Bezugssystems. Alle Aspekte der Entwicklung von Kindern werden maßgeblich vom familiären Kontext beeinflusst (Combrinck-Graham 1986). Es liegt daher nahe, Kinder nicht isoliert zu behandeln, sondern sie im Kontext ihrer Familie zu sehen. Die Einbeziehung ihrer Lebenswelt in die therapeutische Arbeit führt zu einem umfassenderen Verständnis von Beschwerden. Der Fokus der systemischen Therapie liegt deshalb auf dem sozialen Kontext als Bedeutungshintergrund von psychischen Störungen. Will man erfolgreich mit Kindern arbeiten, ist es erforderlich, sich auf ihre Welt, ihre Sprache und ihre Ausdrucksformen einzustellen. Therapeuten müssen spielerisch vorgehen und kreative Techniken nutzen, die den kindlichen Ausdrucksformen entsprechen (Gammer 2007). Sie sollten aber auch kompetent mit Erwachsenen arbeiten können. Die Therapie von Kindern unterscheidet sich aus systemischer Perspektive nicht grundlegend von der Arbeit mit Erwachsenen – viele Aspekte der systemischen Kindertherapie können als Paradigma für die Behandlung von Erwachsenen gelten (Combrinck-Graham 1989, Keith & Whitaker 1981, Retzlaff 2005).

1.2 Ätiologische Modelle
In der Entwicklungsgeschichte der systemischen Therapie wurden unterschiedliche Erklärungsmodelle für Störungen entwickelt (Rotthaus 2001, Nichols & Schwartz 2004, v. Schlippe & Schweitzer 1996). Bis in die 80er Jahre galten beobachtbare Interaktionsprozesse als problemerzeugend, wie beispielsweise starre interpersonelle Grenzen, konflikthafte Dreiecksbeziehungen, Rollenkonfusion zwischen Eltern und Kindern, unklare Kommunikation, generationsübergreifend tradierte Verhaltensmuster und repetitive kontraproduktive Lösungsversuche. In einer zweiten, mehr sprachorientierten Phase der systemischen Theorieentwicklung ab 1980 wurden Bedeutungsgebungsprozesse, Glaubenssysteme und einschränkende Narrative als Erklärungsmodell für Verhaltensprobleme herangezogen, beispielsweise negative Zuschreibungen und problemgesättigte Narrative, die das Kind und die Eltern auf problematische Verhaltensweisen festlegen (Ludewig 1992). Heute gelten die unterschiedlichen Techniken, die in diesen Entwicklungsphasen entwickelt wurden, als gleichberechtigte Bestandteile der systemischen »Werkzeugkiste«.
Traditionell wurden Familien als Entstehungsort von Pathologie (miss-) verstanden. Die vermeintlich prägende Wirkung der Familie auf die Entwicklung von Kindern ist jedoch keine hinreichende Erklärung für das Auftreten von psychischen Störungen. Zwar lassen sich Problemmuster beschreiben, die Familien anfälliger für das Auftreten von psychischen Störungen machen. Es gibt jedoch keinen linearen Zusammenhang zwischen familiären Beziehungsmustern und spezifischen Störungen. In Anlehnung an das biopsychosoziale Modell von Engel (1977) erscheint es sinnvoll, Aspekte der »harten« Wirklichkeit beim Zugang zu Problemen und Störungen ebenso zu berücksichtigen wie die weichere Wirklichkeitskonstruktion.
In meiner Arbeit mit Kindern und Familien interessiert mich daher: Wie sieht die »objektive« Lebenswelt eines Kindes aus – wie ist die Arbeits- und Wohnsituation der Familie, wie sind die Einkommensverhältnisse der Eltern? Wenn die Eltern getrennt sind – können sie miteinander kooperieren, oder gibt es eine Geschichte von Eskalation und Streit? Welche Belastungen, etwa durch Krankheit, Armut, Folgen von Migration oder Flucht, sind gegeben? Über welche Ressourcen verfügt die Familie, etwa in Form von Bildung, guter sozialer Unterstützung, Gesundheit oder einer guten Auffassungsgabe? Welches Temperament hat das Kind, und wie ist die Passung zwischen Kind, Familie und sozialer Umgebung? Ich versuche aber auch zu verstehen, was die Familie aus den Gegebenheiten zu machen weiß, in welcher Weise sie ihre Familien-Geschichte als Ressource nutzt, um gegebene Probleme zu lösen, oder sich als Opfer einer nicht zu beeinflussenden Wirklichkeit sieht.

1.3 Grundprinzipien der systemischen Therapie
In der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen werden neben sprachlichen Kommunikationsformen Zugangsmodalitäten genutzt, wie sie von Kindern im Alltag bevorzugt werden: Spiel, Aktion, Singen, Musik und insbesondere Malen und künstlerisches Gestalten (Ackerman 1970, Keith & Whitaker 1981, Retzlaff 2005, Zilbach et al. 1972). Die psychotherapeutische Arbeit mit Erwachsenen verlässt sich überwiegend auf die verbale Kommunikation. Doch sprachliche Austauschprozesse sind nicht zwangsläufig die wirksamste Kommunikationsform in der Psychotherapie (Watzlawick 1977). In Therapien mit Kindern würde man mit ausschließlich sprachlichen Mitteln rasch an Grenzen stoßen: Viele Kinder können sich nicht gut artikulieren oder sprechen noch überhaupt nicht, sind scheu oder speziell im therapeutischen Kontext befangen.
Eine natürliche Ausdrucksform von Kindern ist das Spiel, das weite Bereiche ihres Lebens prägt. Will man Kinder verstehen, muss man deshalb spielerische Modalitäten nutzen (Reiners 2006). Kinder sind gelöster und erzählen spontaner, wenn der Therapeut eine Puppe sprechen lässt oder Geschichten erzählt. Bilder, Puppen, magische Objekte und ein Zauberstab, mit dem man drei magische Wünsche für die Familie aussprechen kann, machen die Arbeit für Kinder interessant. Sie teilen sich gerne mit, wenn man lustig und humorvoll auftritt und vermittelt: »Hier gibt es keine richtigen oder falschen Antworten.« Spielerische Kommunikationsformen erleichtern es ihnen, sich mit ihren Symptomen auseinanderzusetzen. Kinder artikulieren sich nicht in der unter Erwachsenen üblichen rationalen, diskursorientierten und kontrollierten Form. Erst ab einem Alter von sechs Jahren sind sie kognitiv in der Lage, komplexere zirkuläre Fragen zu verstehen und familiäre Interaktionsmuster zu beschreiben. Es macht wenig Sinn, komplizierte Fragesätze an ein jüngeres Kind zu richten, das sich noch auf der präoperationalen Stufe befindet und nicht in der Lage ist, die Frage zu erfassen (Gelcer & Schwartzbein 1989). Will man eine Beziehung zu einem Kind aufbauen, muss man deshalb die eigene Sprache an das Entwicklungsalter des Kindes anpassen (Taffel1991). Das kann zum Beispiel erreicht werden, indem man die Stimme affektiv moduliert und mit jüngeren Kindern »dramatisierend« spricht (Efron & Rowe1987). Das Kind muss aktiv in das Geschehen einbezogen werden. Wenn die Therapiesitzung Kinder erreichen soll, muss sie lebendig sein, neue Erfahrungen ermöglichen und die unterschiedlichen Sinnesmodalitäten ansprechen. »Die besten therapeutischen Gespräche mit Kindern nutzen die besonderen Gaben der Kindheit– Imagination, die Fähigkeit zu Fantasie und Emotionalität« (Diller 1991, S. 24;Hervorhebung R. R.). Allerdings geht es nicht darum, immer kindzentriert vorzugehen, spielen kann auch zur Vermeidung von Konfliktthemen dienen. In manchen Situationen nimmt man Kinder ernst, wenn man darauf besteht, dass wichtige Anliegen besprochen werden, obwohl sie unangenehm sind (Cooklin 2001).
Das Vorgehen der systemischen Kinder- und Jugendtherapie ist aktiv und handlungsorientiert. Probleme werden als eine Herausforderung angesehen. Menschen, die unter widrigen Lebensumständen aufwachsen und dennoch auf lange Sicht gut zurechtkommen, zeichnen sich durch eine aktive Grundhaltung aus (Lösel & Bender 1999). Systemische Therapie verfolgt das Ziel, Klienten von einer ohnmächtigen, hilflosen Position zu einem Gefühl von Selbstwirksamkeit zu führen.
Zu Beginn einer Beratung definiere ich Psychotherapie als Hilfe zur Selbsthilfe. Ich betone, dass ich ein aktiver Therapeut bin, der Vorschläge anbietet und Anregungen gibt. Das Kind oder der Jugendliche und die Eltern werden eingeladen, ein Team zu bilden, das bei der Lösung des Problems zusammenarbeitet und dabei von mir unterstützt wird. Die Vorgehensweise ist symptomzentriert, regt aber gleichzeitig Veränderungen der familiären Organisation an. Gegenüber den Familien beschreibe ich meine Vorgehensweise folgendermaßen: »Nach meiner Erfahrung kommen Familien weiter, die neue Wege ausprobieren und Probleme aktiv anpacken. Viele Eltern glauben, eine Psychotherapie würde wie ein Medikament wirken, das man einfach einnehmen muss. Das stimmt natürlich so nicht. Es geht darum, aktiv zu werden. Manche Eltern glauben, dass sich nur ihr Kind ändern muss. Doch Kinder entwickeln sich am besten, wenn sie von ihren Eltern unterstützt werden. Sie als Eltern sind ein wichtiger Teil dieser Therapie!«
Eine zentrale Aufgabe für den Therapeuten besteht darin, die »Problemtrance« von Kind und Eltern zu überwinden, problemfreie Bereiche zu erkunden und Hoffnung zu induzieren. Mit Hilfe von verschiedenen Techniken wird die Familie zu einem Perspektivenwechsel eingeladen, um sie an ihre Kompetenzen zu erinnern. Familien-Geschichte(n) über den Umgang mit vergangenen widrigen Lebensumständen werden gewürdigt und die Möglichkeit des Andersseins, im Sinne eines Lebens jenseits der Problemhaftigkeit, eingeführt (Watzlawick 1977).

»...Der 9-jährige Adrian hatte in seiner Familie die Rolle eines Sorgenkindes inne: Nach mehreren bedrohlichen Asthmaanfällen waren die Eltern verständlicherweise besorgt. Die Eltern fühlten sich zusätzlich durch seine rasch wechselnde Aufmerksamkeit und sein hohes Sprechtempo belastet. Sie waren entnervt von den vielen vergeblichen Versuchen, ihn durch Ermahnungen zu einem geordneten Verhalten hinzuführen. Die 11-jährige Schwester Anna fand es lästig, dass sich alles immer um den kleinen Bruder drehte, und Adrian selbst hatte überhaupt keine Lust auf eine weitere »Psycho-Beratung«, weil er die Erwartung hatte, sowieso wieder den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen. In dieser Situation bat ich die Kinder, in die Rolle der Eltern zu schlüpfen und das morgendliche Aufsteh- und Frühstücksritual zu spielen, mit der festen Absicht, die Kinder ruhig und gelassen auf den Weg zur Schule zu bringen, während die Eltern den Part der Kinder übernahmen. Sehr rasch entstand – unter allgemeinem Gelächter – eine zugespitzte Situation, in der die Kinder als Eltern erlebten, wie lästig es sein kann, zwei schulunlustige große »Kinder« zu wecken, und die Eltern erkannten, dass sie in den Augen der Kinder lange nicht so gelassen auftraten, wie sie selber glaubten. Dieser Perspektivenwechsel in einer anderen affektiven Grundstimmung öffnete das Gespräch für einen Bericht über die erfolgreiche Bewältigung der sehr schweren Krisen, die mit dem Asthma verbunden waren. Dazu gehörte die Erfahrung, dass eine ruhige, besonnene Haltung weitaus förderlicher war als hektische Vorhaltungen. Adrian ging ja inzwischen hochkompetent mit dem Asthma um. Die Gelassenheit der ganzen Familie gegenüber diesem Gesundheitsthema war eine Referenzerfahrung, die sich auf die Aufmerksamkeitsproblematik übertragen ließ: »Wir wissen, wie man damit lebt, es ist eine Einschränkung, doch es gibt eine Menge Dinge, die wir konkret tun können, um es uns leichter zu machen. Ansonsten können wir als Familie eine Menge Spaß haben!...«

In manchen Familiengesprächen herrschen laute Töne vor, oder die Stimmung ist gedrückt und resigniert. Dies kann als Ausdruck einer Problemtrance verstanden werden. In Familientherapien kann die Affektlage von kleinen und großen Klienten aggressiv und anklagend sein, oder die Stimmung ist hilflos, defensiv und depressiv. Bestimmte Affektlagen und Aktivierungszustände wirken lähmend, hemmen den Zugang zu Lösungsideen, eigenen Kompetenzen und kreativem Potenzial. Als Therapeut versuche ich, die vorherrschende Affektlage der Familie zu beeinflussen, und lade dazu ein, andere Grundmelodien, die den Ton im Alltag bestimmen, zu erkunden und in das eigene Repertoire aufzunehmen. Der Vorgang, Familien affektiv auf eine andere »Wellenlänge« zu bringen, ist weniger verbal vermittelt, sondern primär ein affektiv-physiologisches Geschehen. Systemische Behandlungen sind eher kurzzeitorientiert und dauern in der Regel zwischen fünf und 15 Sitzungen. Bei Kindern, die sehr krank sind, oder wenn bei Eltern erhebliche Beeinträchtigungen bestehen, können Behandlungen durchaus auch länger dauern; die Kurzzeitorientierung ist kein Dogma.
Einer der ersten Schritte zu Beginn einer Therapie ist die Klärung des Auftrags der Eltern, des Kindes oder des Überweisenden. In der Regel sind Kinder keine »Kunden« für eine Psychotherapie, sondern kommen auf Veranlassung Dritter. Es fällt ihnen leichter, ihre Anliegen zu formulieren, wenn kindgerechte Fragen gestellt werden und man zum Beispiel nach drei magischen Wünschen fragt, die das Kind für seine Familie hat.
Familiäre Konflikte werden auf dem Hintergrund einer entwicklungspsychologischen und lebenszyklusorientierten Perspektive normalisiert und als Phänomen gewertet, das zum Leben und Aufwachsen gehört. Im Laufe der Entwicklung müssen Eltern mit ihren Kindern zahlreiche kleine und große Dramen durchstehen. Familien finden heute bei ihrer Erziehungsarbeit weniger Unterstützung aus dem sozialen Umfeld, als dies in vergangenen Jahrzehnten der Fall gewesen sein mag. Das unmittelbare soziale Umfeld gibt weniger direkte Rückmeldung, und viele Eltern suchen Familientherapeuten auf, um von einer außenstehenden Person eine Einschätzung der familiären Situation zu erhalten. Ob das Verhalten eines Jugendlichen als klinisch relevantes Symptom zu bewerteten ist oder nicht, hängt stark von der Bedeutungsgebung der Umgebung ab. Raufereien zwischen Jungen können als alterstypisches Verhalten, aber auch als aggressive, expansive Verhaltensstörung eingeordnet werden. Es kann hilfreich sein, Symptome als Teil eines größeren Entwicklungsabschnitts zu begreifen, der mit langem Atem angegangen werden sollte. Probleme zu normalisieren bedeutet jedoch nicht, Fehlverhalten gutzuheißen. Zum Erziehungsjob von Eltern gehören auch das Vertreten von unpopulären Positionen, Grenzsetzungen und das Durchsetzen von Forderungen. Ein zentrales Thema der Familientherapie ist die Frage, wie in sich wandelnden Lebensabschnitten eine Balance zwischen dem Wunsch nach Autonomie und Individuation auf der einen Seite und dem nach Bezogenheit und Verbundenheit auf der anderen Seite ausgehandelt werden kann. Die systemische Therapie unterstützt Familien bei dem Aushandlungsprozess von stark belastenden »heißen« emotionalen Themen und Konflikten und bei der Entwicklung von konstruktiven Lösungen.
Die Position des Therapeuten ist dabei allparteilich; die Rechte von Kindern gegenüber ihren Eltern oder Geschwistern werden unterstützt, gleichzeitig aber auch berechtigte Anliegen der Eltern gestärkt. Das Menschenbild der systemischen Therapie ist grundlegend optimistisch und lösungsorientiert. Es beruht auf der Annahme, dass Klienten über Kompetenzen und Strategien verfügen, die sich für die Lösung des präsentierten Problems nutzen lassen und nicht erst erlernt werden müssen. Aus Sicht der Salutogeneseforschung sind einschränkende Lebensbedingungen, Krankheiten und Behinderungen keine kritischen Ausnahmeereignisse, sondern ubiquitäre Bestandteile des Lebens (Retzlaff 2006b). Belastende Faktoren wie Armut, körperliche und sexuelle Gewalt, psychische und körperliche Erkrankungen, Sucht, Streit zwischen den Eltern oder Scheidungen haben Folgen (Felitti et al. 1998, Franz 2006). Doch die Resilienzforschung bietet eine Fülle an Belegen, dass Menschen eine enorme Bandbreite an Reaktionen auf Belastungen und widrige Lebensumstände zeigen (Holtz 2006, B. Müller et al. 2006, Retzlaff 2006a, Rutter 1999). Kinder und Familien sind nicht so zerbrechlich, wie manchmal behauptet wird – sie verfügen über das Potenzial, auch mit schwierigen Bedingungen umzugehen (Werner & Smith 1992). Aus systemischer Perspektive ist Resilienz das Potenzial von Familien, Belastungen abzupuffern. Zu den Merkmalen von Familien, die es verstehen, auch mit schweren Belastungen kompetent umzugehen, zählen eine offene Kommunikation, ein guter affektiver Austausch, Flexibilität beim Aushandeln von Rollen, Macht und Aufgaben, die Nutzung von sozialer Unterstützung und kohärente gemeinschaftliche Glaubenssysteme (Retzlaff 2006a, 2007, Walsh 1998). Familien – als eine Form sozialer Organisation – kommen besser zurecht, wenn ihre Mitglieder wertschätzend miteinander umgehen. Die systemische Therapie will diese Schlüsselprozesse von Familien fördern, die zu ihrer Resilienz und Kohärenz beitragen. Die therapeutische Vorgehensweise der systemischen Therapie ist deshalb ressourcenorientiert. Das Potenzial des Kindes und seiner Angehörigen wird gewürdigt und im therapeutischen Prozess genutzt (Karpel 1986). Die Aktivierung von Ressourcen gilt als zentraler Wirkfaktor von Psychotherapien. Die Ressourcenorientierung wurde zunächst in der systemischen Therapie und der Hypnotherapie entwickelt und hat heute breiten Eingang in andere Therapieverfahren gefunden (Borg-Laufs 2001, Grawe & Grawe-Gerber 1999, Klemenz 2003). Erst wenn man gezielt nach Ressourcen fragt, erfährt man vielleicht, dass ein Kind, abgesehen von all den Problemen, zum Beispiel sehr lieb mit kleinen Geschwistern umgeht, ein Haustier zuverlässig versorgt oder hervorragend am Computer arbeitet und sich dabei sehr gut konzentrieren kann. Ebenso werden Eltern nicht auf ihre Defizite festgelegt, sondern als Menschen gesehen, die in ihrem Leben schon zahlreiche Hürden und Sackgassen gemeistert haben.
Eine allzu einseitige Ressourcenorientierung birgt allerdings die Gefahr, soziale Benachteiligung, Ungerechtigkeit und Unterdrückungsverhältnisse zu ignorieren. Die Erwartung, Kinder sollten ihre Probleme alleine mit ihren eigenen Ressourcen lösen, ist eine Überforderung. Sie erinnert an die Legende des Barons von Münchhausen, der sich am eigenen Zopfe aus dem Morast herauszuziehen vermochte. Insgesamt hat die systemische Therapie mehr den Charakter einer Konsultation, die Hilfe zur Selbsthilfe vermittelt, als den einer Behandlung (Wynne et al. 1986). Diese Grundhaltung impliziert, sich als Berater neben der Familie einzuordnen und zu helfen, die präsentierten Probleme effektiv zu lösen, statt sich über die Familie zu stellen. Auf Wunsch stelle ich mein Expertenwissen den Klienten zur Verfügung und vermittle Informationen über entwicklungspsychologische Zusammenhänge, Störungsbilder und das systemische Modell von Verhalten (Minuchin 1985, Resch 1999). Zu einer richtig verstandenen Kundenorientierung gehört auch, Kinder und Familien im Sinne eines empowerment darin zu stärken, ihre Angelegenheiten selbst zu gestalten.
Aus einer integrativ-systemischen Perspektive werden Familien als Entwicklungskontext verstanden, in dem Kinder mit unterschiedlicher Ausstattung ihre Verschiedenartigkeit entwickeln und den familiären Einfluss für die Entwicklung der eigenen Individualität nutzen. Der Therapeut hilft den Eltern dabei, diese besonderen Fähigkeiten zu erkennen, die individuellen Bedürfnisse des Kindes einzuschätzen und zu berücksichtigen. Veränderungen sind leichter möglich, wenn die Lebensgeschichte und der soziale Kontext des Kindes und seiner Familie gewürdigt werden. In Familiengeschichten zeigen sich Muster der Weltauffassung und Sinnstrukturierung. Sie konstituieren einen Bedeutungskontext, der ein umfassenderes Verständnis der aktuellen Situation ermöglicht. Familienmuster zeigen sich in den »Skripten« und »Drehbüchern«, wie mit Schwierigkeiten in der Vergangenheit umgegangen wurde. Neue Handlungsoptionen und Entwürfe lassen sich leichter entwickeln, wenn diese Drehbücher, Narrative und  Erzählungen in einem weiteren soziopolitischen und historischen Kontext gesehen werden (Reich et al. 1996, 2007). Symptome sind mehr als dysfunktionales Verhalten – sie können als metaphorischer Ausdruck eines Beziehungsgeschehens verstanden werden. Die systemische Therapie zielt deshalb nicht allein auf die Beseitigung von Symptomen ab, sondern will helfen, den Beziehungskontext von Kind, Familie und sozialer Umwelt in einer Weise zu gestalten, welche die Symptome überflüssig macht.

»...Der 11-jährige Marek musste immer weinen, wenn er sich von seinen Lehrern ungerecht behandelt fühlte. Er war dann völlig blockiert, und seine Eltern machten sich Sorgen um ihr einziges Kind. Ihr Lösungsversuch bestand darin, dem Jungen zuzureden, er brauche nicht zu weinen. Sein Schluchzen wurde dadurch nur stärker – aus Wut, dass er nicht in der Lage war, seine Tränen zu unterdrücken. Rasch wurde deutlich, dass sich Marek wahnsinnig unter Leistungsdruck setzte. Trotz des niedrigen Einkommens der Familie bekam er Tennisunterricht, in der Hoffnung, er könnte ja vielleicht ein erfolgreicher Tennisprofi werden. Seine Eltern waren als Spätaussiedler unter schwierigen Umständen nach Deutschland gekommen. Für die Übersiedlung hatte die Familie einen sehr hohen Preis gezahlt. Der Vater hatte eine sehr gut bezahlte Stelle als Künstler aufgegeben. Im Westen hatte er eine weitaus schlechter bezahlte Anstellung als ungelernter Arbeiter gefunden, seine Frau musste als Putzhilfe arbeiten. Die Geschichte der Migration und das Gespräch über all das, was Vater und Mutter aufgegeben hatten, machten die Haltung verständlich: »Es muss sich doch gelohnt haben – wenigstens der Marek soll erfolgreich sein und es einmal besser haben!« Und deshalb litt der Junge so sehr, wenn er sich auf seinem Erfolgsweg aufgehalten und verkannt fühlte. In diesem Fall bestand die Lösung in einer Annahme der eigenen Geschichte. Den Eltern und dem Jungen wurde deutlich, dass es in Ordnung ist, über Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten zu weinen, und Marek begann, die Meinung von anderen weniger wichtig zu nehmen.«

Anders als in Laborstudien gibt es in vielen Familien mehr als nur ein einzelnes Kind mit einer eng umschriebenen Symptomatik. Oft leiden mehrere Angehörige an klinisch relevanten Beschwerden. In der systemischen Therapie ist es deshalb üblich, mehr als nur einen Symptomträger gleichzeitig zu behandeln, statt Familien mit multiplen Problemen von einer potenziell verwirrenden Zahl von Helfern parallel oder konsekutiv zu therapieren. Systemische Therapeuten bevorzugen ein maßgeschneidertes, am Einzelfall orientiertes ideografisches Vorgehen, das auf jede einzelne Familie abgestimmt ist. Für bestimmte Störungsbereiche wie Delinquenz, Drogenabhängigkeit oder körperliche Erkrankungen existieren manualisierte Therapieprogamme. Sie haben den Vorzug, Therapieeffekte einer empirischen Erforschung besser zugänglich zu machen (Liddle 1993, Swenson & Henggeler 2005, Szapocznik et al. 2003). Die therapeutische Arbeit mit Kindern macht es häufig erforderlich, weitere Helfersysteme mit einzubeziehen, etwa Mitarbeiter des Jugendamtes, Lehrer, Freunde, professionelle Helfer oder Angehörige des erweiterten Familiensystems. Die Therapie ist netzwerkorientiert und hilft, soziale Unterstützung zu mobilisieren (Schweitzer 2001b).
Für Therapeuten ist es wichtig, die eigene Position in einem, zum Teil komplexen, Netz von Helfern richtig einzuschätzen und innerhalb dieses Netzes kooperativ aufzutreten. Kinder und Familien existieren nicht in einem sozialen Vakuum, und Kinder-Therapien finden nicht in einem Freiraum statt. Eine solche Netzwerkorientierung ist insbesondere bei komplexen Problemen wie sexuellem Missbrauch für eine gelingende Arbeit von überragender Bedeutung.

1.4 Therapeutische Haltung und Beziehungsgestaltung
Systemische Therapeuten bezweifeln – zu Recht oder zu Unrecht – aus erkenntnistheoretischen Vorbehalten, ob es prinzipiell überhaupt möglich ist, Menschen zu beeinflussen (Rotthaus 1999). Die Kunst der systemischen Therapie besteht jedoch nicht darin, Menschen direktiv zu verändern, sondern darin, einen Kontext zu schaffen, der zu Veränderungen einlädt und Entwicklungsschritte begünstigt. Statt Kinder oder Eltern beeinflussen zu wollen, setzt der Therapeut primär bei sich selbst an, am eigenen Tun und der Art und Weise, wie die therapeutische Situation gestaltet wird. Dabei steht er nicht außerhalb des Behandlungssystems, sondern ist ein Teil von ihm und wird rekursiv beeinflusst. Wichtigstes Instrument der systemischen Therapie ist die Person des Beraters: Wir nutzen uns selbst als Werkzeug und nehmen eine aktive, kreative und spielerische Haltung ein (Gadamer 2000). Eine gute Stimmung und eine vertrauensvolle Atmosphäre fördern Entwicklungsschritte (Grabbe 2001). Dies bedeutet, dass wir uns als Person mit der Vielfalt unserer Erfahrungen, mit unseren Wesenzügen und Eigenarten in die Therapie einbringen und nutzen, was immer zur Verfügung steht. Humor und die Offenheit, über sich selbst etwas mitzuteilen und über sich zu lachen, führen zu einer wohltuenden Leichtigkeit der Therapie (Smoller 1994). Eine persönliche Entwicklung und eigene Interessen über die Profession hinaus sind wichtige Aspekte der therapeutischen Selbst-Erziehung. Die »Zutaten« für gelingende Therapien werden nur zu einem Teil in den Lernkatalogen der Psychotherapieausbildungen vermittelt.

 

2. Narrative Techniken, Metaphern und Geschichten

2.1 Einführung
Aus Perspektive der narrativen Therapie sind Sinnzusammenhänge des Lebens in Geschichten organisiert, in denen Erfahrungen aufgehoben, aber auch transformiert werden (Boeckhorst 1994, Retzlaff 2006b, Welter-Enderlin & Hildenbrand 1996). Menschliches Erleben ist in einen erzählerischen Kontext eingebunden, der das Verhalten der Beteiligten prägt. In Geschichten, die von Familien erzählt werden, spiegeln sich Familienmuster wider, die für den Umgang mit Beschwerden bedeutsam sind. Durch das Erzählen von leidvollen und hoffnungsvollen Geschichten werden soziale Wirklichkeiten konstruiert (Berger & Luckmann 1966, Hildenbrand & Jahn 1988).
In Familien, die zur Beratung kommen, dominieren häufig problemgesättigte Narrative. Beschwerden und Belastungen scheinen das Leben zu beherrschen. Die Eltern erleben sich  in einer hilflosen Position. Erzählungen von fehlgeschlagenen Lösungsversuchen und erfolglosen Konsultationen professioneller Helferdominieren (White & Epston 1990). Die organisierenden Metaphern handeln von erfolglosen Kämpfen und Anstrengungen. Affektiv überwiegen Gefühle von Hilflosigkeit, Resignation oder Anklage. Ressourcen, Ausnahmen von der Problemsituation und Handlungsoptionen werden übersehen; der Aufmerksamkeitsfokus ist auf einen engen, problembehafteten Wirklichkeitsausschnitt reduziert, Handlungsoptionen werden ausgeblendet (Freeman et al. 2000, Retzlaff 2006b).
In systemischen Therapien werden Symptome in einen übergeordneten Sinnzusammenhang eingeordnet. Mit Hilfe von narrativen Techniken werden Familien eingeladen, andere Geschichten zu erfinden, die ihnen die Möglichkeit eines günstigeren Umgangs mit ihren Erfahrungen geben (Minuchin & Fishman 1983). Familien-Geschichten vermitteln einen Verstehenshintergrund dafür, welche Leid-Motive das Handeln leiteten, aus denen sich nun Ansätze für andere Geschichten mit einem offenen Ende konstruieren lassen. Aus den Erzählungen der Familie werden zentrale Themen aufgegriffen und wird gemeinsam eine neue Geschichte konstruiert: »Unser Leben besteht aus Geschichten, und wir sind beides: Darsteller und Autoren der Handlung. Indem wir Geschichten über uns selbst erzählen, werden wir zu Autoren unseres Lebens. Die Autorschaft besteht in der Entscheidung, was wir den anderen über unsere Erfahrungen erzählen wollen, im Ausdenken einer in sich schlüssigen Version der Vergangenheit und in der genauen Auswahl dessen, was wir mitteilen wollen. Dieser Erlebnissequenz geben wir einen organischen Charakter und erzählen sie in unserem ureigenen Stil. Wenn Menschen Geschichten über sich selbst erzählen, denken sie sich Versionen von Ereignissen aus, die ihnen dabei helfen, zu verstehen, was ihnen passiert ist, und durch die sie diese Sichtweise anderen mitteilen können.« (Madanes 1997 S. 254 f.).
Wenn bedeutsame Geschichten in einem affektiv Halt gebenden Rahmen erzählt und im Hier und Jetzt von einem interessierten Hörer angenommen werden, verändert sich die Bedeutung des Erzählten (Retzlaff, 2007).

2.2 Externalisierung des Symptoms
Die Technik der Externalisierung des Symptoms wurde von den neuseeländischen Familientherapeuten Michael White und David Epston (1990) für die Arbeit mit Kindern entwickelt. Sie hat Vorläufer in der Gestalttherapie (Bauer 1979) und knüpft an Heiltraditionen von Naturvölkern an (Sherman & Fredman 1986). Systemische Fragen zielen darauf ab, Symptome zu verflüssigen. Externalisierungen beruhen auf dem umgekehrten Prinzip: Symptome werden verdinglicht, innerpsychische Prozesse anschaulich, greifbar und handhabbar gemacht.
Nachdem ein guter Rapport zum Kind hergestellt ist, beginne ich, über das Symptom wie über eine Person oder eine magische Fabelgestalt zu reden. Bei Kindern mit Einschlafängsten spreche ich von »Monstern« oder »Plagegeistern«, die sie zu nächtlicher Zeit heimsuchen. Wenn Kinder einkoten oder einnässen, kann das Symptom zum »trickreichen Hintern« oder einer »trickreichen Blase« umbenannt werden (Gutsche & Walker 1989, Mrochen 1993, Prest & Carruthers 1991).
Externalisierungen eignen sich besonders für Familien mit chronifizierten Problemzuschreibungen, ausgeprägten Opferhaltungen und körperlichen Krankheiten, die wegen ihrer Komplexität von Kindern nur schwer zu erfassen sind. können. Die Eltern von Kindern, die an einer Enuresis (Bettnässen) oder einer Enkopresis (Einkoten) leiden, sind meist in einer hilflosen, unterlegenen Position (Wood 1988). Durch die Externalisierung ändert sich der »Tanz um das Problem herum«, und das Bewältigungsverhalten des Kindes wird auf eine spielerische, kindgerechte Weise unterstützt. Externalisierungen legen nahe: »Du bist mehr als dein Symptom.« Probleme werden externalisiert, Ressourcen und Kompetenzen zu seiner Bewältigung dagegen internalisiert. Die Auseinandersetzung mit dem Symptom wird zu einer Abenteuerreise umgedeutet, bei der die Familie und das Kind in dem Bestreben geeint werden, das Land  der Sicherheit wieder zu erreichen und »den Grummelbrummel« zurückzudrängen. Auch die Hierarchie in der Familie wird korrigiert: Die Eltern stehen auf Seiten des Kindes, schützen seine Grenzen und entwickeln auf Familien-Ebene ein Gefühl der Selbstwirksamkeit.
Die Sprache der Externalisierung ist heiter. Auf die Frage: »Wie könntet ihr lustiger über das Problem reden?«, finden Kinder sehr schnell Einfälle für einen Spitznamen, der auf eine witzige oder provokante Weise das Symptom veranschaulicht: »Eure Familie besteht nicht aus fünf, sondern aus sechs Mitgliedern. Leider ist der Motzkopf bei euch oft zu Gast.« Der »Kannichtosaurus« versucht Kindern Ängste einzureden und klaut gute Gefühle. Der »Stachel« sticht Eltern, die ungeduldig und gereizt auf ihre Kinder reagieren. Herr »Griesgrau«, »Frau Wütig« und der »Immer-ich« sind weitere Gestalten, denen ich häufig in Kindertherapien begegne.
Die Namen sollten nicht stark negativ besetzt sein oder Unkontrollierbarkeit implizieren (Tomm 1989). Wenn ein Kind vom »Teufel« geritten, als »Vulkan« oder »Wirbelwind« bezeichnet wird, bietet dies wenige Ansatzpunkte für therapeutische Veränderungen. Kampf-Metaphern verwende ich selten; Ziel ist die Integration und Einbindung von inneren Teilen, nicht die Herrschaft über sie (Maisel et al. 2004).
Das Kind wird gefragt, ob es nach der jahrelangen Herrschaft »der Frau Wütig« oder »des trickreichen Hinterns« bereit ist, sich ihm stellen und mit Unterstützung der Familie wieder »Bestimmer« über das eigene Leben zu werden. Auch die Eltern verlassen ihre aus jahrelangen Niederlagen resultierende chronisch unterlegene Position. Sie werden auf eine Allianz eingeschworen und sollen eine wichtige unterstützende Funktion bei diesem Abenteuer übernehmen, etwa indem sie ihr Kind bei dem Abenteuer mit dem Herrn Wütig oder dem trickreichen Hintern effektiv coachen.

»...Im Erstgespräch mit einer Familie wirkte die Mutter sehr erschöpft – in den vergangenen Jahren hatte es eine anstrengende Phase mit vielen schweren Krankheiten gegeben. Mit den körperlichen Krankheiten waren die Kinder verhältnismäßig gut zurechtgekommen. Während der zahlreichen Klinikaufenthalte hatte sich zu Hause jedoch eine unmögliche Stimmung eingestellt – die Geschwister, so erfuhr ich, würden sich anmotzen, seien ständig patzig, auch die Mutter und der Vater fingen allzu oft an, laut zu poltern, was ihnen selbst nicht behagte. Im Interview äußerte der Therapeut erstaunt seine Beobachtung, dass die Familie offensichtlich nicht aus fünf, sondern aus sechs Personen bestünde: aus Vater, Mutter, Lukas, Simon, Angela und dem Motzkopf, der selbst auf Fragen wie »Kannst du mir bitte die Milch reichen« mit Geschimpfe und üblem Gebrüll antwortete – eine Bemerkung, die bei der Familie ein befreiendes Gelächter auslöste. Das Kommen und Gehen des Motzkopfs wurde noch eine Weile diskutiert. Vor der Verabredung für die nächste Sitzung machte jedes Familienmitglied Vorschläge, was man sich bis zum nächsten Gespräch vornehmen wollte. Simon schlug vor, einen »Motzkopf« zu machen und zum nächsten Gespräch mitzubringen. Beim nächsten Termin zeigte die Familie den Motzkopf, der an einen kleinen Stecken montiert war und bei Tisch hochgehalten wurde, sobald jemand herummotzte, was etliche Male zu einem befreienden Gelächter geführt hat und eine dauerhafte Veränderung des Familienklimas einleitete. «

Die Verdinglichung des Symptoms zu einer Gestalt ist ein erster Schritt, der zu einer Diskussion über den Einfluss und den Stellenwert des Symptoms für das Leben der Familie führt. Im weiteren Prozess der Therapie wird mit dem Kind und der Familie verabredet, eine Abenteuerreise zu machen, bei der es eine Auseinandersetzung mit dem Symptom gibt, das auf einen angemessenen Platz zurückgedrängt werden soll.

1. Lass dir die Beschwerden oder das Problemverhalten genau beschreiben. »Diese Entgleisung spielt euch also immer wieder einen Streich.«
2. Beginne über das Symptom wie über eine Person zu reden. Unterstelle, dass es einen übermäßigen Einfluss hat: »Da ist das Problem aber ganz schön oft zu Gast – ein richtiger Dauergast ist das! Bestimmst du oder bestimmt der über dich?«
3. Suche mit dem Kind nach einem Namen: »Wenn wir dem Problem einen Namen geben würden, wie könnten wir es nennen? Wie könnte man lustiger darüber reden?«
4. Erkunde den Einfluss des externalisierten Symptoms: »Wie lange regiert dich das Problem? Wie groß ist das Reich seines Einflusses, wo sind seine Grenzen?« Frage umgekehrt, wie groß der Einfluss ist, den das Kind, die Familie und seine Angehörigen auf das Problem haben: »Gibt es Bereiche, in denen es nichts zu sagen hat?«
5. Frage nach den Auswirkungen auf die Familie: »Wie sehr hat die Familie resigniert? Wie viel Hoffnung gibt es? Sind Vater und Mutter bereit, dabei zu helfen, dass sich die Familie gegenüber dem Problem behauptet?«
6. Prüfe die Motivationslage: »Ist Karl bereit, sich zu stellen und Mühen auf sich zu nehmen? Ist der Zeitpunkt für eine Auseinandersetzung gut gewählt? Oder wäre es sinnvoll, erst eine Trainingsphase einzuschieben? Wer kann ihn unterstützen?«
7. Verabrede, wann das Abenteuer beginnen soll.

Krankheiten externalisieren. In der akuten Anpassungsphase nach der Diagnose einer schweren Krankheit organisieren sich viele Familien um die Krankheit herum. Die Erfordernisse der Krankheit und das kranke Kind nehmen zwangsläufig einen zentralen Platz ein. Doch wenn sich die Familie über Jahre hinweg so organisiert wie in der akuten Krankheitsphase, kann dies zu einem Problem werden. In meiner Beratungspraxis habe ich Familien erlebt, die alle Türen der Schlafzimmer ausgehängt hatten, um einen Asthmaanfall der Tochter frühzeitig mitzubekommen. Das »Kind« war inzwischen Teenager geworden und hatte seit Jahren einen stabilen Gesundheitszustand; dafür litt die Ehe der Eltern unter einem gewissen Mangel an Intimität. Die Familie wird gefragt: »Stellt euch einmal vor, die Krankheit wäre ein weiteres Familienmitglied, das ihr nicht besonders mögt, aber sehr gut kennt. Könnt ihr der Krankheit eine Gestalt geben, als ob sie ein Tier oder eine Person wäre? Was veranlasst sie, Ärger zu machen? Wie lässt sie sich besänftigten? Wann haben die Angehörigen es mit der Krankheit, wann mit dir als Person zu tun? Wer geht wie mit der Krankheit um? Stellt euch vor, eure Familie will eine Autofahrt machen. Die Krankheit kommt einfach mit, verlangt Beachtung, fordert eine Toilettenpause und so fort. Sitzt sie vorne, womöglich auf dem Fahrersitz, und blockiert alles? Versucht sie euch alle zum Anhalten zu bringen? Und was könnt ihr tun, um ihr einen angemessenen Platz zuzuweisen – auf der Rückbank vielleicht? Wie wäre es, wenn die Krankheit seltener käme?«

»...Die Familie von Simon, Lukas und Anne war erschöpft – beide Jungen mussten wegen ihres instabilen Diabetes häufig in die Klinik, und die ältere Schwester litt an Allergien. In der Beratung zeigte sich, dass eine weitere Stoffwechselerkrankung des Jungen – eine schwere Hyperthyreose (Überfunktion der Schilddrüse) – zu einer starken Verunsicherung geführt hatte; es gab die ständige Sorge, es könnte wieder zu einer »Entgleisung« kommen. Die Kinder hatten keine rechte Vorstellung, wie diese Gefahr zu bannen war. Lukas wurde gebeten, einen Steckbrief des Herrn N. T. Gleisung zu malen, der sich leider manchmal unbemerkt in die Familie eingeschlichen hatte. Mit Hilfe des Steckbriefs wurde dann diskutiert, wie man ihn rascher bemerken, ihn vielleicht seltener als Gast in der Familie haben könnte und woran man seine Anwesenheit von normalen Stimmungsschwankungen unterscheiden könnte. Diese externalisierte Gestalt des »N. T. Gleisung« wurde zu einer organisierenden Metapher für die weitere Therapie. «

 

       3. Literaturverzeichnis
Ackerman, N. (1970): Child participation in family therapy. Family Process 9, 403 – 410.
Bauer, R. (1979): Gestalt approach to family therapy. American Journal of Family Therapy 7, 41 – 45.
Berger, P., Luckmann, T. (1966): The social construction of reality. New York (Doubleday). Dt. (1970): Die gesellschaftliche Konstruktion der Realität. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Boeckhorst, F. (1994): Theoretische Entwicklungen in der Systemtherapie II: Die narrative Denkrichtung. Systhema 8, 2 – 22.
Borg-Laufs, M.(Hrsg.) (2001): Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen. Bd. I: Grundlagen. Tübingen (dgvt-Verlag).
Combrinck-Graham, L. (1986): Treating young children in family therapy. Maryland (Aspen Publication).
Combrinck-Graham, L. (Hrsg.) (1989): Children in family contexts. Perspectives on treatment. New York (Guilford).
Cooklin, A. (2001): Eliciting children’s thinking in families and family therapy. Family Process 40, 293 – 312.
Diller, L. (1991): Not seen not heard. Family Therapy Networker 15, 18 – 27.
Efron, D., Rowe, B. (1987): Strategic parenting manual. London/Ont. (Journal of Strategic and Systemic Therapies).
Engel, G. (1977): The need for a new medical model: A challenge for biomedicine. Science 196, 129 – 136.
Felitti, V. J., Anda, R. F., Nordenberg, D., Williamson, D. F. Spitz, A. M., Edwards, V., Koss, M. P., Marks, J. S. (1998): Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults. American Journal of Preventive Medicine 14, 245 – 258.
Franz, M. (2006): Traumatische Kindheit – ihre Folgen für das Erwachsenenleben. Psychotherapie im Dialog 7, 83 – 88.
Freeman, J., Epston, D., Lobovits, D. (2000): Ernsten Problemen spielerisch begegnen. Narrative Therapie mit Kindern und ihren Familien. Dortmund (Verlag Modernes Lernen).
Frei, H. (o. J.): Jeux dramatique mit Kindern II. Ausdrucksspiel aus dem Erleben. Bern (Zytglogge Verlag).
Gammer, C. (2007): Die Stimme des Kindes in der Familientherapie. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag).
Gelcer, E., Schwartzbein, D. (1989): A Piagetian view of family therapy: Selvini-Palazzoli and the invariant approach. Family Process 28, 439 – 456.
Grabbe, M. (2001): Kooperation mit kleinen Kindern in Therapie und Beratung. In: Schlippe, A., Grawe, K., Grawe-Gerber, M. (1999): Ressourcenaktivierung – Ein primäres Wirkprinzip der Psychotherapie. Psychotherapeut 44, 63 – 73.
Gutsche, S., Walker, S. (1989): Treatment of encopresis using a modification to Michael White’s approach. Journal of Strategic and Systemic Therapies 8, 60 – 69.
Hain, P. (2001): Das Geheimnis therapeutischer Wirkung. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag).
Hildenbrand, B., Jahn, W. (1988): »Gemeinsames Erzählen« und Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion in familientherapeutischen Gesprächen. Zeitschrift für Soziologie 17, 203 – 217.
Hoffman, L. (1982): Grundlagen der Familientherapie. Hamburg (ISKO Press).
Holtz, K. (2006): Was Kinder alles können – Kompetenz-, Resilienz- und Salutogeneseforschung. Psychotherapie im Dialog 7, 89 – 93.
Karpel, M. A. (1986): Family resources: The hidden partner in family therapy. New York (Guilford).
Keith, D., Whitaker, C. (1981): Play therapy: A paradigm for work with families. Journal of Marital and Family Therapy 7, 244 – 254.
Klemenz, B. (2003): Ressourcenorientierte Diagnostik und Intervention bei Kindern und Jugendlichen. Tübingen (dgvt-Verlag).
Liddle, H. A. (1993): Engaging adolescents in family therapy: Some early phase skills. In: Nelson, T., Trepper, T. (Hrsg.): 101 interventions in family therapy. New York (Harworth Press), S. 389 – 398.
Lösel, F., Bender, D. (1999): Von generellen Schutzfaktoren zu differentiellen protektiven     Prozessen. In: Opp, G., Fingerle, M., Freytag, A. (Hrsg.): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. München (Reinhardt), S. 37 – 48.
Ludewig, K. (1992): Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis. Stuttgart (Klett-Cotta).
Madanes, C. (1997): Sex, Liebe und Gewalt. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag).
Maisel, R., Epston, D., Borden, A. (2004): Biting the hand that starves you. Inspiring resistance to anorexia/bulimia. New York (Norton).
Minuchin, P. (1985): Families and individual development: Provocations from the field of family therapy. Child Development 56, 289 – 302.
Minuchin, S., Fishman, C. (1983): Praxis der strukturellen Familientherapie. Freiburg (Lambertus Verlag).
Mrochen, S. (1993): Das RMI-Konzept (Relaxed Mental Imagery). Hypnosetherapie bei der Behandlung kindlicher Verhaltensstörungen – dargestellt am Beispiel Enuresis. In: Mrochen, S., Holtz, K.-L., Trenkle, B. (Hrsg.): Die Pupille des Bettnässers. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag), S. 117 – 153.
Müller, B., Hornig, S., Retzlaff, R. (2006): Kohärenz und Ressourcen in Familien von Kindern mit Rett-Syndrom. frühförderung interdiziplinär 26, 3 – 14.
      Nichols, M., Schwartz, R. (2004): Family therapy: Concepts & methods. Boston (Allyn & Bacon).
Prest, L. A., Carruthers, W. K. (1991): The case of the sneaky sleep thief: White’s externalizing technique within a broad strategic frame. Journal of Strategic and Systemic Therapy 10, 66 – 75.
Reich, G., Massing, A., Cierpka, M. (1996): Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm. In: Cierpka, M. (Hrsg.): Handbuch der Familiendiagnostik. Berlin (Springer-Verlag), S. 223 – 258.
Reich, G., Massing, A., Cierpka, M. (2007): Praxis der psychoanalytischen Familien- und Paartherapie. Stuttgart (Kohlhammer).
Reiners, B. (2006): Kindorientierte Familientherapie. Eine neue Methode aus Skandinavien zur besseren Integration jüngerer Kinder in die Familientherapie. Kontext 37, 349 – 359.
Resch, F. (1999). Entwicklungspsychopathologie des Kindes- und Jugendalters. Ein Lehrbuch. (2. Auflage) Weinheim (Beltz Psychologie Verlags Union)
Retzlaff, R. (2005): Malen und kreatives Gestalten in der Systemischen Familientherapie Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 54, 19 – 36.
Retzlaff, R. (2006a): Systemische Therapie mit Kindern. Psychotherapie im Dialog 7, 16 – 21.
Retzlaff, R. (2006b): Kohärenz und Resilienz in Familien von Kindern mit Behinderungen. Eine quantitative und qualitative Untersuchung. Unveröffentlichte Dissertation. Universitätsklinik Heidelberg.
Retzlaff, R. (2007) Families of children with Rett syndrome: Stories of coherence and resilience. Families, Systems, & Health 25, 246 – 262.
Rotthaus, W. (1999): Wozu erziehen? Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag).
Rotthaus, W. (2001) (Hrsg.): Systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag).
Rutter, M. (1999): Resilience concepts and findings: Implications for family therapy. Journal of Family Therapy 21, 119 – 144.
Schlippe, A. v., Schweitzer, J. (1996): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. (Bd. I). Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).
Schweitzer, J. (2001b): Die Förderung von Kooperation und die Koordination von Helfersystemen und betroffenen Familien: Eine systemische Herausforderung. In: Schlippe, A. v., Lösch, G., Hawellek, C. (Hrsg.): Frühkindliche Lebenswelten und Erziehungsberatung: Die Chancen des Anfangs. Weinheim (Beltz), S. 276 – 291.
Lösch, G., Hawellek, C. (Hrsg.): Frühkindliche Lebenswelten und Erziehungsberatung: Die  Chancen des Anfangs. Weinheim (Beltz), S. 276 – 291.
Sherman, R., Fredman, N. (1986): Handbook of structured techniques in marriage and family therapy. New York (Brunner/Mazel).
Smoller, J. W. (1994): The etiology and treatment of childhood. In: Ellenbogen, G. C. (Hrsg.): Oral sadism and the vegetarian personality: Readings from the Journal of Polymorphous Perversity. New York (Brunner/Mazel), S. 65 – 70. Dt.: Schnuller, J. W. (2001): Die Entstehung und Behandlung von Kindheit. In: Borg-Laufs, M. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen. Bd. I: Grundlagen. Tübingen (dgvt-Verlag), S. 609 – 615.
Swenson, C. C., Henggeler, S. W. (2005): Die multisystemische Therapie: Ein ökologisches Modell zur Behandlung schwerer Verhaltensstörungen bei Jugendlichen. Familiendynamik 30, S. 128 – 144.
Szapocznik, J., Hervis, O., Schwartz, S. (2003): Brief strategic family therapy for adolescent drug abuse. Bethesda (National Institute on Drug Abuse).
Taffel, R. (1991): How to talk with kids. Family Therapy Networker 15, 39 – 68.
Tomm, K. (1989): Externalizing the problem and internalizing personal agency. Journal of Strategic and Systemic Therapy 8, 54 – 59.
Walsh, F. (1998): Strengthening family resilience. New York (Guilford).
Watzlawick, P. (1977): Die Möglichkeit des Andersseins. Bern (Verlag Hans Huber).
Welter-Enderlin, R., Hildenbrand, B. (1996): Systemische Therapie als Begegnung. Stuttgart (Klett-Cotta).
Werner, E. E., Smith, R. S. (1992): Overcoming the odds. Ithaca (Cornell University Press).
White, M., Epston, D. (1990): Die Zähmung der Monster. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag).
Wood, A. (1988). King Tiger and the Roaring Tummies: A novel way of helping young children and their families change. Journal of Family Therapy 10, 49 – 63.
Wynne, L. C., McDaniel, S., Weber, T. T. (Hrsg.) (1986): Systems consultation. A new perspective for family therapy. New York, London (Guilford).
Zilbach, J., Bergel, E., Gass, C. (1972): The role of the young child in family therapy. In: Sager, C., Singer Kaplan, H. (Hrsg.): Progress in group and family therapy. New York (Brunner/ Mazel Publishers), S. 385 – 400.