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Rainer Sachse
Relevante, problemdeterminierende Schemata von Klienten, die mit Hilfe von Vorgehensweisen der Klärungsorientierten Psychotherapie geklärt und repräsentiert worden sind, müssen als nächstes verändert, „umstrukturiert“ oder „gehemmt“ werden. Dazu sind weitere therapeutische Strategien erforderlich, die den Klienten dazu anleiten, sich aktiv mit Schemata auseinanderzusetzen, sie zu hinterfragen, sich von ihnen zu distanzieren, Alternativen zu ihnen zu entwickeln, ihnen positive Schemata entgegenzustellen, Ressourcen zu aktivieren usw.
In der Klärungsorientierten Psychotherapie (KOP) wird somit davon ausgegangen, dass eine valide Repräsentation relevanter dysfunktionaler Schemata ein notwendiger, jedoch in den meisten Fällen noch kein hinreichender Schritt für eine konstruktive Veränderung ist: Auf eine Klärung relevanter Schemata muss daher in der Regel eine Bearbeitung der Schemata folgen.
Klienten müssen in diesem Bearbeitungsprozess zu einer Schemabearbeitung und -Veränderung motiviert werden, positive und negative Schemata müssen aktiviert werden, affektive Schemata müssen durch affektiv-emotionale Maßnahmen bearbeitet werden.
Bezüglich dieser Bearbeitung ergeben sich aus der Theorie der KOP bestimmte therapeutische Konsequenzen:
Aus diesen Gründen wurden im Rahmen der Klärungsorientierten Psychotherapie vorhandene Ansätze der „Zwei-Stuhl-Technik“ zum Ein-Personen-Rollenspiel weiterentwickelt, deren Vorgehensweisen weit über eine rein kognitive Schema-Bearbeitung hinausgehen. Das Ein-Personen-Rollenspiel (EPR) erfüllt in dieser modifizierten Form alle oben genannten Bedingungen: Es dient dazu, den Klienten zu motivieren, es enthält Klärungs- und Bearbeitungsprozesse, es berücksichtigt affektive Schemata und affektive Veränderungsprozesse, es zwingt den Klienten, die Perspektive zu wechseln, sich selbst kritisch mit seinen Annahmen auseinanderzusetzen und als sein eigener Therapeut zu fungieren.
Das Ein-Personen-Rollenspiel (EPR) ist eine spezielle Therapietechnik, mit deren Hilfe dysfunktionale, problem-mit-determinierende Schemata systematisch therapeutisch bearbeitet werden können. Diese Schemata müssen zunächst in einem dem EPR vorausgehenden Klärungsprozess geklärt, herausgearbeitet, kognitiv repräsentiert werden. Sind sie kognitiv repräsentiert, dann müssen sie in Frage gestellt, geprüft, verändert, mit anderen, positiven Schemata, mit Ressourcen oder konstruktiven Erfahrungen der Person verbunden, d.h. sie müssen in einer konstruktiven Richtung verändert werden. Das EPR ist eine sehr gute und sehr effektive Methode, solche Schemata zu verändern.
Das EPR verbindet Vorgehensweisen der klärungsorientierten und kognitiven Therapie; es ermöglicht damit einerseits eine Klärung und Herausarbeitung relevanter Schemata und andererseits eine Aktivierung von Ressourcen, eine Überprüfung von Annahmen, usw., also eine Verbindung negativer Schemata mit positiven Schemata und damit eine Umstrukturierung der ersteren.
Das Ein-Personen-Rollenspiel ist eine Therapietechnik, bei der, anders als bei anderen Methoden der Kognitiven Therapie, nicht der Therapeut direkt mit den Klienten Annahmen disputiert, sondern bei der der Therapeut den Klienten dazu anleitet, relevante Annahmen mit sich selbst zu disputieren.
Das EPR verbindet damit direkt Vorzüge der Kognitiven und der Klärungsorientierten Psychotherapie:
Der Klient wird im EPR veranlasst, unter Anleitung und Supervision des Therapeuten relevante Annahmen relevanter Schemata selbst zu disputieren. Dies hat eine ganze Reihe von Vorteilen:
Das Ein-Personen-Rollenspiel, das auch als „Zwei-Stuhl-Technik“ bezeichnet werden kann, gibt es in verschiedenen Varianten. Die hier vorgeschlagene ist eine Variante der Klärungsorientierten Psychotherapie, da sie unterschiedliche therapeutische Zugangsweisen auf hoch effektive Weise miteinander kombiniert.
Im Ein-Personen-Rollenspiel definiert der Therapeut zwei Positionen für den Klienten:
Um dem Klienten die beiden Positionen augenscheinlich zu machen und es dem Klienten zu erleichtern, von einer Position in die andere zu wechseln, stellt der Therapeut zwei Stühle gegenüber und definiert auf jedem Stuhl eine der Klienten-Positionen; seinen eigenen Stuhl stellt er querab zu den beiden Stühlen. Dabei definiert er den von sich aus linken Stuhl als Klienten-Position (KK) und den rechten Stuhl als Therapeuten-Position (KT) (vgl. Abbildung 1):
Abbildung 1: Positionen im Ein-Personen-Rollenspiel
Dass der Therapeut die Klienten-Position immer links definieren sollte ist keineswegs magisch, er kann sie auch rechts definieren: Wichtig ist nur, dass er sie immer gleich definiert. Der Grund dafür liegt darin, dass der Klient bei der Durchführung des EPR, vor allem in der Anfangsphase, nicht sonderlich diszipliniert ist: Er „rutscht“ auf dem Therapeutenstuhl schnell wieder in die Klienten-Rolle. Dies kann dann auch den Therapeuten verwirren, und wenn der Therapeut dann nicht mehr weiß, auf welcher Position der Klient welche Rolle einnehmen sollte, dann gerät er schnell durcheinander. Daher sollte der Therapeut die Positionen immer gleich definieren; wir definieren immer den vom Therapeuten aus gesehenen linken Stuhl als Klienten-Position und den rechten Stuhl als Therapeuten-Position.
Die beiden Klienten-Stühle stehen unmittelbar voreinander, sodass der Klient sich direkt ansprechen kann: er redet sich direkt an, entweder spricht er als Klient direkt „seinen“ Therapeuten an oder als Therapeut „seinen“ Klienten.
Die räumliche Trennung der beiden Klienten-Positionen in zwei Stühle ist vorteilhaft, weil Klienten vor allem zu Beginn oft Schwierigkeiten haben, ihre Annahmen zu wechseln, eine andere Perspektive einzunehmen, aus ihrem gewohnten Bezugssystem herauszutreten. Die räumliche Trennung dieser beiden Positionen erleichtert es dem Klienten, sich von seinem eigenen Überzeugungssystem zu distanzieren. Somit ist der Stuhlwechsel ein reines Hilfsmittel, um dem Klienten einen „geistigen Positionswechsel“ zu erleichtern. Dieser Wechsel hat sich aber als sehr hilfreich erwiesen: Der Übergang in die Therapeuten-Rolle ist zunächst für Klienten schwierig. Sobald Klienten ihn aber vollziehen können, erweist er sich als herausragend effektiv.
Die beiden Positionen sind damit ein didaktisches Mittel, um dem Klienten zu helfen,
Der Therapeut sitzt querab von beiden Klienten-Positionen. Der Therapeut hat beim EPR, genau wie der Klient, zwei Rollen oder Funktionen: Sitzt der Klient auf der Klienten-Position (KK), dann nimmt der Therapeut die Rolle eines Therapeuten ein, sitzt der Klient auf der Therapeuten-Position, dann nimmt der Therapeut die Rolle des Supervisors für diesen Therapeuten ein.
Die Aufgabe des Klienten auf der Klienten-Position besteht darin, seine dysfunktionalen Annahmen zu vertreten, sozusagen „er selbst zu sein“: Der Klient aktiviert dort seine Schemata, klärt mit Hilfe des Therapeuten seine Schemata, arbeitet Annahmen heraus, die sich mit Hilfe des EPR prüfen lassen, und er prüft hier, nachdem der Klient als Therapeut Gegenannahmen entwickelt hat, ob ihn diese Gegenargumente überzeugen, ob er sie annehmen kann.
Auf der Therapeuten-Position hat der Klient die Aufgabe, sich von seinen Annahmen selbst zu distanzieren, sie kritisch zu hinterfragen und zu prüfen und Gegen-Annahmen zu entwickeln, die dem Klienten weiterhelfen (s.u.).
Der Therapeut überwacht die Arbeit des Klienten auf den beiden Positionen genau; er achtet auch sehr genau darauf, dass der Klient die jeweilige Position konsequent einnimmt und die Aspekte nicht „vermauschelt“. Sitzt der Klient auf der Klienten-Position, dann hat der Therapeut die Aufgabe des Therapeuten: Er unterstützt den Klienten in seinen Klärungsprozessen (nach den Regeln der KOP), hilft dem Klienten, Schemata herauszuarbeiten und bearbeitbare Annahmen zu formulieren, und er hilft dem Klienten, die Gegenargumente des Klient-Therapeuten zu prüfen. Auf dieser Position tut der Therapeut all das, was ein Therapeut auch normalerweise tut; und noch ein wenig mehr (s.u.).
Nimmt der Klient dagegen die Therapeuten-Rolle (KT) ein, dann übernimmt der Therapeut die Rolle des Supervisors für diesen Therapeuten; mit allen Aufgaben und Möglichkeiten, die zu dieser Rolle gehören: Er unterstützt den Therapeuten darin, Gegenargumente zu finden, Annahmen zu prüfen und zu hinterfragen, er macht den Therapeuten auf Inhalte aufmerksam, die der Klient äußert, arbeitet mit dem Therapeuten Implikationen der vom Klienten geäußerten Annahmen heraus, usw. Der Therapeut kann hier als Supervisor all das tun, was auch normalerweise ein Supervisor mit seinem Therapeuten tut (s.u.).
Der Supervisor überwacht aber auch, ob der Therapeut auf dieser Position konsequent in seiner Therapeuten-Rolle bleibt:
Fängt ein Klient z.B. auf der Therapeuten-Position an, zu katastrophisieren, dann stoppt ihn der Therapeut und macht ihn auf seine Aufgabe aufmerksam; oder aber er bittet den Klienten, auf die Klienten-Position zu wechseln.
Diese Aufgabe des Therapeuten ist sehr wesentlich, da Klienten, insbesondere zu Beginn dieser Therapiemaßnahme, nicht dazu neigen, diszipliniert zu sein: sie nehmen oft auf der Therapeuten-Position die Auffassung des Klienten an, argumentieren aus der Klienten-Position, usw. Dies darf der Therapeut aber nicht zulassen: die Therapeuten-Position dient dazu, dass der Klient lernt, aus seiner bisherigen Sichtweise herauszutreten; daher muss der Klient deutlich dazu angehalten werden, dies auch zu tun.
Grob skizziert verläuft das EPR folgendermaßen:
Indem Therapeut und Klient dann herausarbeiten, warum den Klienten diese Aspekte nicht überzeugen, gelangen sie zu weiteren, neuen bearbeitbaren Annahmen. Mit diesen beginnt ein neuer Bearbeitungszyklus.
Das EPR verläuft somit in Phasen. Diese sollen nun etwas ausführlicher betrachtet werden.
Dabei weist das EPR pro Phase in der Regel drei Sequenzen auf:
1. Klient auf der Klientenposition: Herausarbeiten einer bearbeitbaren Annahme
Das EPR beginnt, wenn es Therapeut und Klient gelungen ist, eine bearbeitbare Annahme herauszukristallisieren, d.h. eine Annahme, die nun im EPR geprüft und verändert werden soll. Eine solche Klärung findet statt, wenn der Klient auf der Klienten-Position sitzt. Eine solche Annahme ist die Voraussetzung dafür, in ein EPR „einzusteigen“ und sie stellt immer den ersten Zug einer Phase dar.
Eine bearbeitbare Annahme sollte dabei folgenden Kriterien genügen:
Solche Annahmen sind z.B.:
Es kann eine zeitlang dauern, bis Therapeut und Klient eine solche bearbeitbare Annahme herauskristallisiert haben. Bei dieser Vorarbeit
Dies ist die Voraussetzung dafür, dass der Klient überhaupt weiß, welche Annahmen er hat, welche Annahmen zentral sind und welche Annahmen überhaupt bearbeitet werden müssen. Der Therapeut führt hier eine Klärungsorientierte Therapie durch, so lange, bis bearbeitbare Annahmen herausgearbeitet sind.
Auch im Verlauf des EPR kann der Therapeut immer wieder Phasen der Klärungsorientierung einschieben: z.B. wenn der Klient durch die Bearbeitung auf neue Schemata oder Schema-Aspekte stößt, die noch nicht geklärt sind; dann müssen sie vor einer weiteren Prüfung geklärt werden. Die klärungsorientierten Phasen finden zwischen dem Therapeuten und dem Klienten auf der Klienten-Position statt.
2. Klient auf der Therapeuten-Position: Bearbeitung der Annahme
Wechselt der Klient auf die Therapeuten-Position (KT), dann beginnt der zweite Zug einer Phase: Der Klient bearbeitet nun, mit Hilfe des Therapeuten, die formulierte Annahme. Dabei hat der Klient eine ganze Reihe therapeutischer Strategien zur Verfügung (s.u.). Der Zug endet damit, dass Therapeut und Klient eine (mehr oder weniger lange) Gegen-Annahme formulieren, die der Therapeut dann direkt dem Klienten sagt.
3. Klient auf der Klienten-Position: Prüfen der Gegenargumente
Der dritte Zug des EPR besteht darin, dass der Klient auf die Klienten-Position zurückwechselt und dann die Gegenargumente, die der Therapeut ihm gesagt hat, prüft.
Der Therapeut wiederholt noch einmal, was der Klienten-Therapeut auf der Therapeuten-Position ausgeführt hat, und bittet den Klienten, die Aussage sorgfältig zu prüfen. Der Klient soll nun feststellen,
Diese Stimmigkeitsprüfung ist ein zentrales Element des Vorgehens. Therapeutisches Ziel ist es, dass der Klient eigene Erfahrungen und Ressourcen findet, die aus seiner Sicht tatsächlich negative Schemata widerlegen, die an negative Schemata „andocken“ können. Auf diese Weise können positive und negative Schemata eine Einheit bilden, können negative Schemata in positive integriert werden und so weitgehend ihre Kontrolle über die Exekutive verlieren. Nicht gewünscht ist es, wenn Klienten auf der Therapeuten-Position Argumente entwickeln, die die negativen Schemata nicht erreichen, weil dadurch ein Satz „losgelöster“ Überzeugungen entstehen würde, der beim Klienten wenig bewirkt. Es geht somit beim EPR zentral darum, Schema-Annahmen auf eine solche Weise zu widerlegen und neue Annahmen in solcher Weise zu formulieren, dass der Klient diese neuen Inhalte akzeptieren kann: Er muss diese Inhalte in sein System integrieren können, um eine dauerhafte Veränderung von Schema-Annahmen zu erreichen. Dabei müssen die neuen Inhalte auch mit affektiven Schemata kompatibel sein und deshalb muss der Klient die neuen Inhalte nicht nur kognitiv prüfen, sondern auch (und vor allem!) auch emotional: Fühlen sich die neuen Inhalte stimmig an? Oder gibt es dagegen emotionale Widerstände? Selbst wenn diese Widerstände zunächst noch diffus sind, sollten diese Unstimmigkeiten von Therapeut und Klient ernstgenommen werden und Ausgangspunkt einer genauen weiteren Klärung werden. Die Klärung führt dann zu weiteren, in der Regel noch zentraleren Schema-Annahmen, die dann weiter bearbeitet werden müssen.
Gerade diese Stimmigkeitsprüfung ist es, die das EPR zu einem lernenden, selbstregulativen System macht: wenn der Klient neue Ideen und Interpretationen entwickelt, kann er selbst prüfen, ob diese wirksam sind; sind sie es, kann er sie integrieren; sind sie es nicht, muss er weitersuchen, weiter analysieren, weiter explizieren, usw. Die mangelnde Stimmigkeit weist darauf hin, dass es noch weitere, bisher noch nicht geklärte und herausgearbeitete Annahmen gibt, die jedoch, da sie wirksam sind, nun herausgearbeitet werden müssen, um dann therapeutisch bearbeitbar zu sein. In der KOP wird dieser Prozess „Vertiefung der Explizierung“ genannt und dieser Prozess ist zentral dafür, wirksame, aber schwer fassbare Annahmen zu repräsentieren.
Falls der Klient den Eindruck hat, dass ihn einzelne Aspekte der Therapeuten-Aussage überzeugen, dann arbeitet der Therapeut zuerst mit dem Klienten genau heraus,
Dies ist wichtig, damit die Aspekte, die bereits überzeugend sind, zunächst sehr gründlich gewürdigt und analysiert werden; damit „bringt der Therapeut sozusagen die Ernte ein“. Dazu sollte sich der Therapeut unbedingt Zeit nehmen, die neuen Erkenntnisse mit dem Klienten mehrmals durchzugehen, um sie gedächtnismäßig zu verankern und bereits erste Konsequenzen daraus abzuleiten.
Ist das abgeschlossen, dann fragt der Therapeut den Klienten, was ihn nicht überzeugt, ob es ein „aber“ gibt, einen gefühlsmäßigen Widerstand oder ein (diffuses) Unbehagen. Der Therapeut macht hier sehr deutlich, dass es beim EPR nicht darum geht, den Klienten zu „überreden“ oder dem Klienten Inhalte zu vermitteln, die er eigentlich doch nicht akzeptieren kann. Es geht vielmehr darum, solche Inhalte zu finden, die der Klient integrieren kann, die er glaubt, die er akzeptiert, die ihn wirklich überzeugen. Daher instruiert der Therapeut den Klienten hier, die vom Therapeuten geäußerten Gegenargumente sehr genau und sehr kritisch zu prüfen. Findet der Klient ein „aber“, dann klären Therapeut und Klient sehr ausführlich, was dieses „aber“ ist; dabei werden dann oft neue Schema-Aspekte deutlich, es kommen neue und tiefere Annahmen zum Vorschein. Diese werden dann wieder möglichst präzise herausgearbeitet.
Diese Annahmen sind dann erneut der Ausgangspunkt für eine neue Phase: Die Bearbeitung beginnt von neuem.
Eine vollständige Sequenz im EPR hat damit immer mindestens drei Phasen: Äußern einer bearbeitbaren Annahme auf der Klienten-Position; Entwickeln von alternativen Annahmen u.ä. auf der Therapeuten-Position; Prüfen der Alternativen auf der Klienten-Position.
Eine Sequenz kann allerdings auch mehr als drei Phasen aufweisen: stellt sich ein Klienten-Therapeut selbst eine Frage (d.h. stellt er dem Klienten auf der Klienten-Position eine Frage), dann sollte er sie sich auf der Klienten-Position selbst beantworten, dann wieder auf die Therapeuten-Position wechseln, Gegenargumente finden und diese dann auf der Klienten-Position prüfen. Damit hat eine Sequenz dann fünf Phasen. Wie viele Phasen eine Sequenz auch immer hat: sie sollte immer mit einer Prüfung von Gegenargumenten auf der Klienten-Position enden!
Der Klient wird in die Therapeuten-Position gesetzt, damit er
Der Klient hat damit auf der Therapeuten-Position eine Reihe von therapeutischen Strategien zur Verfügung:
Der Klienten-Therapeut kann seinem Klienten damit nachweisen, dass seine Schlussfolgerungen nicht haltbar sind, dass seine Beweise nicht schlüssig sind, dass er Information voreingenommen verarbeitet. Und er kann ihm klarmachen, dass er selbsterfüllende Prophezeiungen produziert: er verarbeitet Information voreingenommen, verhält sich nach diesen Schlussfolgerungen und produziert damit negative Informationen. Eine solche Erkenntnis ist für Klienten oft sehr wichtig: sie erkennen dann, dass die „Erfahrungen“, die sie als Beweise für ihre Annahmen ins Feld führen, selbstproduzierte Ereignisse sind, deren Beweiskraft äußerst gering ist.
Diese Vorgehensweise ist deshalb so wichtig, da Schemata dazu neigen, Informationen systematisch so zu verzerren, dass die Schemata immer bestätigt werden. Sie neigen außerdem dazu, den Klienten zu Verhaltensweisen zu veranlassen, die seine Schemata durch selbsterfüllende Prophezeiungen bestätigen. Daraus ziehen Klienten dann den Schluss, dass „ihre Erfahrungen die Gültigkeit ihrer Schemata schlüssig beweisen“. Tatsächlich handelt es sich jedoch um „Pseudo-Beweise“ und dies sollte dem Klienten klar werden: Die „Beweise“, die er für die Gültigkeit seiner Schemata zu Felde führen kann, beweisen nur, dass die Schemata existieren, keineswegs, dass sie „wahr“ sind!
Wahrscheinlich ist das Wesentliche gar nicht, dass der Klient in der Therapeuten-Position mit sich auf dem Klienten-Stuhl spricht; wahrscheinlich ist das Wesentliche, dass der Klient auf der Therapeuten-Position veranlasst wird,
D.h. der Therapeut veranlasst zwar scheinbar den Klienten-Therapeuten, sich mit all diesen Aspekten zu befassen; tatsächlich ist es aber natürlich der Klient selbst, der all dies tut; die Rolle als „Therapeut“ ermöglicht es ihm nur, die Fesseln seines bisherigen Systems abzustreifen. Der Klient tut nun Dinge, er folgt Fragen, er aktiviert Gedächtnisbestände, er entwickelt Annahmen, wie er es noch nie zuvor getan hat und wie er es noch nie zuvor tun konnte.
Dass der Therapeut den Klient-Therapeuten dann noch einmal veranlasst, die Schlussfolgerungen seinem Klienten noch einmal explizit zu sagen, dient eher dazu, alle Überlegungen noch einmal präzise zusammenzufassen, zu konkretisieren und zu präzisieren. Dies ist wichtig, denn der Klient muss ja nicht nur neue Annahmen entwickeln, er muss diese neuen Annahmen auch in sein Gedächtnis einspeichern: Dazu muss er sie mehrmals wiederholen, neu diskutieren, präzisieren, mit anderen Inhalten verbinden usw. Redundanz ist keineswegs ein Makel, sondern eine Notwendigkeit!
Wenn der Therapeut den Klienten veranlasst, in der Therapeuten-Position die neuen Argumente seinem Klienten nochmals direkt zu sagen, dann sollte der Therapeut den Klienten auch instruieren, diese Argumente so emotional wie möglich zu vertreten: Er soll versuchen, sich mit diesen Argumenten zu identifizieren, sie „zu fühlen“, hinter ihnen zu stehen und sie dem Klienten nicht in der Weise zu präsentieren: „Hier sind einige Argumente, die man akzeptieren könnte.“, sondern als: „Diese Argumente sind zwingend, nimm sie gefälligst zur Kenntnis!“
Ein Therapeut hat im EPR eine ganze Reihe von Aufgaben. Sitzt der Klient auf der Klienten-Position, dann besteht die Aufgabe des Therapeuten im Wesentlichen darin, wie ein klärungsorientierter Therapeut zu handeln und dem Klienten durch klärungsorientierte Therapietechniken bei der Klärung/Repräsentation wesentlicher Schema-Aspekte zu helfen.
Beabsichtigt der Therapeut ein EPR, dann besteht seine Aufgabe nun zusätzlich darin zu versuchen, mit dem Klienten eine bearbeitbare Annahme herauszukristallisieren, d.h. zu versuchen, eine zentrale Schema-Annahme möglichst kurz, präzise, konkret zu formulieren.
Die Aufgabe des Therapeuten ist es dann, den Klienten zu veranlassen, den Stuhl zu wechseln.
Befindet sich der Klient in der Therapeuten-Position, dann macht der Therapeut ihm das als erstes deutlich, um ihm klarzumachen, welche Aufgabe er nun hat. Dazu sagt der Therapeut:
Danach fasst er dem Klient-Therapeuten gegenüber noch einmal zusammen, welche Annahmen der Klient auf der Klienten-Position vertreten hat.
Er hilft dem Klienten auf der Therapeuten-Position nun, die Annahmen zu prüfen, Gegenargumente zu finden usw.
Hat der Therapeut den Eindruck, dass der Klient auf der Therapeuten-Position Gegenargumente gefunden hat, die nun erst einmal geprüft werden sollten, dann schließt er das Verfahren damit ab, dass er die zentralen Aspekte dieser Argumente noch einmal so präzise wie möglich formuliert.
Er fordert den Klienten daraufhin auf, auf die Klienten-Position zu wechseln.
Sitzt der Klient auf der Klienten-Position, dann wiederholt der Therapeut noch einmal die zentralen Argumente des Klienten auf der Therapeuten-Position, um sie dem Klienten noch einmal vor Augen zu führen.
Er fordert dann den Klienten auf, diese Argumente sehr kritisch zu prüfen.
Dabei klärt er mit dem Klienten zunächst, ob es Aspekte gibt, die ihn überzeugen und arbeitet dann heraus, welche dies sind und warum sie den Klienten überzeugen.
Im Anschluss daran fordert er den Klienten auf zu prüfen, welche Aspekte ihn nicht überzeugen. Er klärt dann sehr sorgfältig mit dem Klienten, welche emotionalen und/oder kognitiven Einwände der Klient gegen diese Argumente hat. Diese Klärung führt dann in der Regel zu neuen Annahmen des Schemas und damit zu einer neuen bearbeitbaren Annahme, mit der dann eine neue Phase des EPR startet.
Der Therapeut hat, wenn sich der Klient auf der Therapeuten-Position befindet, die Funktion eines Supervisors: er kann hier mit dem Klient-Therapeuten (auch dann, wenn dieser einen Freund imaginiert) alles tun, was ein Supervisor auch mit einem richtigen Therapeuten tun würde. Er kann
Und er kann etwas tun, was ein Therapeut dem Klienten gegenüber niemals tun würde: er kann den Klienten auf der Therapeuten-Position darauf aufmerksam machen, dass der Klient (auf der Klienten-Position) keine Argumente annimmt, mauert, u.a.: so kann der Supervisor dem KT z.B. sagen: „Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch schon aufgefallen ist, aber unser Klient ist ein ausgesprochener Betonkopf. Er scheint nichts von dem annehmen zu wollen, was Sie ihm sagen. Vielleicht sollten wir mal gemeinsam überlegen, warum er nichts akzeptiert.“. Durch diese Analyse kann z.B. herauskommen, dass der Klient „etwas von seinen Problemen hat“: der Klient, so kann dem Klienten-Therapeuten deutlich werden, verteidigt dysfunktionale Annahmen, weil er sie braucht, um Interaktionspartner zu manipulieren. Auf diese Weise kann ein Klient manchmal zu wesentlichen Einsichten gelangen.
Wesentlich ist, dass der Klient hier selbst gegen sich argumentiert. Dies hat einen ganz wesentlichen Vorteil. Argumentiert der Therapeut gegen den Klienten, dann löst er damit in der Regel beim Klienten Reaktanz aus: der Klient fühlt sich veranlasst, dem Therapeuten nun erst recht das Gegenteil zu beweisen. Argumentiert der Klient aber selbst gegen sich, tritt kein Reaktanzeffekt auf: der Klient wird durch seine eigenen Argumente nicht zum Widerspruch angestachelt.
Eine wesentliche Aufgabe des Supervisors ist es hier, dem Klienten bei der Ausarbeitung der Gegenargumente zu helfen. Dabei kann der Supervisor
Der Therapeut hat somit als Supervisor eine sehr aktive, prozess-direktive Funktion.
Wenn der Therapeut den Klienten auf die Therapeuten-Position schicken will, muss er dem Klienten die Prozedur kurz erläutern. Er kann dazu in etwa Folgendes sagen: „Ich würde gerne heute mit Ihnen mal ein Therapieverfahren durchführen, das sich bei Problemen wie Ihrem bewährt hat (dabei stellt er einen Stuhl vor den Klienten). Nehmen Sie bitte mal auf diesem Stuhl Platz (Klient wechselt auf den Therapeuten-Stuhl). Ich möchte Sie bitten, sich mal auf diesem Stuhl in die Position eines Therapeuten hineinzuversetzen, der dem Klienten, der auf dem anderen Stuhl sitzt, helfen will. Sie können sich, wenn Sie wollen, auch in die Position eines guten, imaginären Freundes hineinversetzen (eines imaginären deshalb, weil Klienten, wenn sie sich einen realen Freund vorstellen, lediglich dessen „gute Ratschläge“ zum Besten geben; sie sollen aber gerade neue Aspekte suchen). Was wollen Sie sein? (Klient sucht sich z.B. Therapeuten aus) Dieser Therapeut ist nun völlig anderer Meinung als unser Klient; er möchte dem Klienten helfen und sucht nun Argumente, wie er dem Klienten helfen kann. Was könnte er dem Klienten sagen?“
Zuerst finden Klienten keine oder keine guten Argumente. Dies sollte vom Therapeuten kommentiert werden: „Natürlich fällt es Ihnen schwer, Gegenargumente zu finden. Wenn das leicht wäre, hätten Sie längst welche gefunden. Mit der Zeit werden Ihnen aber welche einfallen, die Sie überzeugen. Sagen Sie jetzt erst einmal Ihrem Klienten, was Ihnen einfällt.“
Der Klient sollte nur so lange auf dem Klienten-Stuhl sitzen, wie es nötig ist, eine Annahme herauszuarbeiten oder zu prüfen; ansonsten sollte der Klient sich hier nur kurz aufhalten, um eine Katastrophisierung oder ausufernde Ausführungen des Klienten zu vermeiden. Eine Ausnahme ist lediglich die Klärungsorientierung: arbeitet der Therapeut mit dem Klienten klärungsorientiert, arbeitet der Klient z.B. an der Explizierung eines Schemas, dann kann die Arbeit auf der Klienten-Position einige Zeit in Anspruch nehmen. Dagegen kann die Arbeit auf dem Therapeuten-Stuhl längere Zeit in Anspruch nehmen: der Klient benötigt Zeit, sich in eine andere Position hineinzuversetzen, positive Gedächtnisbestände zu aktivieren, auf Verarbeitungsfehler aufmerksam zu werden und Gegenargumente zu formulieren. Oft muss er zuerst „ins Unreine sprechen“, Gedanken mit Hilfe des Therapeuten entwickeln, bevor er sie sich selbst sagen kann. Alle diese Prozesse kosten Zeit; diese sollte der Therapeut dem Klienten auch geben.
Das EPR ist ein sehr effektives Therapieverfahren – wenn Therapeuten es richtig einsetzen. Ein Aspekt des richtigen Einsatzes bedeutet, die Eingangsvoraussetzungen zu beachten.
Eine Eingangsvoraussetzung für das EPR besteht darin, dass eine vertrauensvolle Therapeut-Klient-Beziehung etabliert sein muss, bevor man das EPR in den Therapieprozess einführen kann. Der Therapeut muss, als Vorbedingung, eigene Schemata klären und herausarbeiten, er muss Vorschläge des Supervisors aufgreifen, er muss sich auf ein Rollenspiel einlassen, usw. Das alles setzt voraus, dass der Klient dem Therapeuten vertraut, und zwar sowohl im Sinne eines personalen Vertrauens, als auch im Sinne eines Kompetenz-Vertrauens.
Der Supervisor sollte den Therapeuten mit Aspekten des Klienten-Verhaltens konfrontieren können, und es ist gut, wenn der Supervisor dies sehr direkt tun kann, sehr deutlich und z.T. provokativ. Dies setzt voraus, dass der Klient weiß, dass der Therapeut „auf seiner Seite ist“, dass der Therapeut dem Klienten keineswegs schaden will, sondern dass auch Provokationen wohlmeinend sind und nur das Ziel haben, den Klienten auf Aspekte aufmerksam zu machen. Dieses Wissen muss der Klient somit schon vor dem EPR entwickelt haben.
Daher ist das EPR auch keine Therapiemaßnahme für die ersten Therapiestunden: Der Therapeut sollte es erst dann einführen, wenn er sicher ist, dass sich entsprechendes Vertrauen herausgebildet hat.
Eine weitere Voraussetzung für das EPR ist, dass Therapeut und Klient eine präzise, klar bearbeitbare Annahme herausgearbeitet haben. Dies ist aber erst dann möglich, wenn der Klient einen Arbeitsauftrag erteilt hat, Probleme mit dem Therapeuten geklärt hat, relevante Schemata aktiviert und repräsentiert hat und dann relevante Annahmen des Schemas definiert hat. Der Einstieg in das EPR setzt somit eine intensive Klärungsarbeit voraus, eine längere Therapiephase, in der der Therapeut klärungsorientiert gearbeitet hat.
Auch aus diesem Grund ist das EPR nicht in der Anfangsphase der Therapie einsetzbar: In aller Regel dauert das Herausarbeiten einer bearbeitbaren Annahme mindestens 4-5 Therapiestunden.
Eine weitere Eingangsbedingung für das EPR ist, dass der Klient in der Lage ist, eigene Anteile zu reflektieren und zu disputieren. Im Prinzip ist das EPR für die Bearbeitung depressiver Schemata sehr gut geeignet; aufgrund der oberen Voraussetzungen kann man es aber mit depressiven Klienten erst dann einsetzen, wenn die Klienten nicht mehr massiv depressiv sind. Die Klienten müssen in der Lage sein,
Klienten, die sich noch in einem massiv depressiven Zustand befinden, sind dazu jedoch nicht in der Lage: Daher müssen dann zunächst andere Therapiemaßnahmen ergriffen werden, um diese Eingangsvoraussetzungen zu schaffen.
Eine weitere zentrale Voraussetzung für das EPR ist, dass der Klient Compliance aufweist: Der Klient muss im Prinzip dazu bereit sein, sich mit dem Therapeuten auf eine Disputation relevanter problematischer Annahmen einzulassen.
Dies bedeutet z.B., dass man das EPR nicht anwenden kann, wenn Klienten noch stark eine Konfrontation mit unangenehmen Inhalten oder negativen Schemata vermeiden: Dann lassen sie sich in der Therapeutenrolle nicht auf Gegenargumente ein. Insofern kann man das EPR z.B. mit psychosomatischen Klienten in den ersten Therapiephasen nicht anwenden: Solange die Klienten ein hohes Vermeidungsniveau aufweisen, werden sie nicht ausreichend kooperieren, um von dem EPR zu profitieren. Hat man im Prozess die Vermeidung jedoch ausreichend bearbeitet, dann kann man das EPR auch mit psychosomatischen Klienten sehr erfolgreich einsetzen.
Ähnliches gilt auch für Klienten mit Persönlichkeitsstörungen: Diese Klienten verwickeln die Therapeuten in den ersten Phasen der Therapie in manipulative Spiele und weisen keinen Arbeitsauftrag auf. Setzt man das EPR hier ein,
Solange die Klienten keinen Arbeitsauftrag erarbeitet haben, macht der Einsatz des EPR keinerlei Sinn. Nach der Definition eines Arbeitsauftrages kann das EPR jedoch sehr gut und sehr effektiv auch bei persönlichkeitsgestörten Klienten verwendet werden: Dann sind die Klienten compliant, sie bemühen sich, die Instruktionen von Therapeut und Supervisor umzusetzen und disputieren ihre Annahmen.
[1] Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Sachse, R. & Schlebusch, P. (Hrsg.) (2006). Perspektiven klärungsorientierter Psychotherapie. Lengerich: Pabst Science Publishers.
Die Lernerfolgskontrolle finden Sie
hier.